Intelligente Ökosysteme – Neue Wege und Geschäftsmodelle der Zukunft


Nichts ist stetiger als der Wandel. Gerade in der Wirtschaftsgeschichte waren es oftmals sogenannte Basisinnovationen bzw. technologische Errungenschaften, die Impulsgeber für langfristige Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft darstellten. Aber auch Krisen, soziale und politische Umbrüche, negative Ereignisse wie Kriege und sonstige Katastrophen waren oft Auslöser für einen tiefgehenden Wandel und Paradigmenwechsel. Eine globale Pandemie, wie wir sie akut erfahren, wird sich ebenfalls in dieser Riege einreihen und vermutlich eine Welle von Veränderungen auslösen.

Wir befinden uns in einem grundlegenden Anpassungs- und Veränderungsprozess, einhergehend mit der Notwendigkeit eine Reihe von Arbeits- und Geschäftsmodellen teilweise radikal neu zu denken. Technologie wird – neben einem neuen ökologischen und sozialen Bewusstsein – auch jetzt wieder eine treibende Rolle einnehmen und unser Augenmerk stärker auf technologische Innovationen und die Möglichkeiten, die sie uns bietet, lenken. Mit intelligenten Lösungen für zukünftige Produkte, vernetzte Wertschöpfungsketten und neue Formen der Kunden- und Mitarbeiterinteraktion, sind neue Chancen für Prosperität möglich. Die Digitalisierung wird hierbei weiterhin ein zentraler Treiber sein – wenn auch unter einem neuen Licht.

Die Digitalisierung gleitet in eine neue Ära: sie wird pragmatischer und betriebswirtschaftlicher

  • Mit fortschreitender Digitalisierung wurde es immer wichtiger, neue technische Möglichkeiten auf die Anwendbarkeit in der Praxis zu übertragen. Eine Vielzahl innovativer Technologien wie Künstliche Intelligenz, Robotics, Blockchain & Distributed Ledger, IoT, API Systeme, Cloud etc. mussten zunächst eine gewisse Marktreife erfahren, um die Technologie in sinnvolle „Use Cases“ zu übersetzen. Es mussten pragmatische Anwendungsfälle definiert werden, die mithilfe der Technologie neue Ansätze und Konzepte in Unternehmen und Wirtschaft erst ermöglichten, z.B. Crypto Currency, Bitcoin, Smart Contracts, elektronischer Fingerabdruck und automatische Prozessabwicklung, etc..
  • Heute wissen wir, dass die Digitalisierung neben den technischen Möglichkeiten auch eine große betriebswirtschaftliche Komponente mitbringt, die eine Hebelwirkung auf den Unternehmens- und Markterfolg ausübt. Diese sogenannte Leverage-Wirkung der digitalen Transformation geht weit über die technische Dimension hinaus und verändert traditionelle Geschäftsmodelle sowie Ertrags- und Wachstumskonzepte in Unternehmen.
  • In der aktuellen Phase der Transformation stehen neben den digitalen Anwendungsfällen zunehmend die betriebswirtschaftlichen Komponenten im Zentrum. Die Übersetzung bzw. Heranziehung der Technologie für betriebswirtschaftliche „Business Cases“ steht jetzt im Vordergrund. So betrachtet wird die digitale Transformation immer stärker mit Hinblick auf neue Ertrags- und Wachstumsmodelle bewertet. Damit steht eine zentrale Frage im Raum: „Wie kann man mit der Digitalisierung Geld verdienen, Prozesse optimieren und gleichzeitig Kosten sparen?“

Eine interessante Möglichkeit bietet dabei das Prinzip der Plattformen

Offene Ökosysteme*, die Vielfalt und Pluralität betonen und den Wettbewerb aller Akteure am Markt unterstützen, bieten Raum für neue Geschäftsmodelle. Zusammen mit existenten Gegenwartstechnologien wie IoT, Künstliche Intelligenz (KI) oder Cloud, können auf Basis von digitalen Ökosystemen* Wertschöpfungsketten vertikal über Unternehmens- und Branchengrenzen hinweg neu gestaltet werden.

Durch Integration[1] und Kollaboration[2] auf neu geschaffenen Ökosystemen, mithilfe offener Schnittstellen, digitalem Datentransfer, API Management, Open Industry bzw. Open Banking und virtuellen Marktplätzen, sind vielfältige Optionen denkbar. Von der Entwicklung der Produkte und Dienstleistungen, dem Austausch zwischen Hersteller, Händler und Verbraucher in Echtzeit, über eine optimale Kapazitätsauslastung im Betrieb, bis hin zur vollständigen Preis- und Angebotstransparenz oder dem verbesserten Service aus einer Hand (hier auf einer Plattform), sind viele Szenarien möglich. Durch die nahtlose Anbindung und Partizipation der Akteure können Wertschöpfungsaktivitäten neu definiert werden. Die Integration und Kollaboration mit Finanzintermediären, welche die Finanzierung der Investition, die Regelung des Zahlungsverkehrs oder aber auch die Sicherstellung der Abwicklung auf einer einheitlichen Plattform gewährleisten, sind weitere Bestandteile eines offenen Marktplatzes*. Auch hier existiert die Notwendigkeit, die Technologie in „Business Cases“ zu übersetzen. Ein Beispiel hierfür liefert das Gedankenspiel „Factory as a Service“.

Factory as a Service – Integration und Kollaboration durch Schaffung digitaler Ökosysteme

Zentrale Fragen:

  • Wie können branchenübergreifend Akteure auf einer Plattform zusammentreffen, die gemeinsam über ihre klassischen Wertschöpfungsaktivitäten hinaus interagieren (z.B. Maschinenbauer, Fabrikbesitzer und Finanzdienstleister)?
  • Welche Möglichkeiten gibt es für eine vertikale Integration und Kollaboration der einzelnen Akteure?
  • Wie erfolgt eine sinnvolle Anbindung sonstiger Intermediäre (Banken, Versicherungen, Leasingpartner, Facturing Dienstleister, Service Provider, etc.), um sowohl aufseiten der Unternehmen und Finanzdienstleister (Produzentenrente), als auch auf Kundenseite (Konsumentenrente) transparente Nutzenvorteile zu schaffen?
  • Wie können innovative Technologien betriebswirtschaftliche Effizienz erhöhen und neue Wege für Erträge und Kostenersparnisse sowohl für Industrie als auch für Finanzdienstleister generieren?

Viele Wege führen nach Rom

„Factory as a Service“ (FaaS) bildet die Gedankengrundlage für eine branchenübergreifende Kollaborationsplattform für unterschiedliche Unternehmen (bspw. Maschinenbauer, Fabrikbesitzer) sowie Dienstleister (Banken, Versicherungen, Leasingunternehmen, etc.). Sie ermöglicht auf Basis innovativer Technologien wie Cloud, Smart Contracts, Distributed Ledger, KI, u.v.m. die Schaffung eines „neuen digitalen Marktplatzes“, der weit über das klassische B2B hinausgeht. Mithilfe offener Schnittstellen und einer gemeinsamen Kollaborationsplattform können elementare Wertschöpfungsaktivitäten einzelner Akteure neu verknüpft und kombiniert werden, sodass Multiplikatorwirkungen ausgelöst werden. Denkbare Konzepte:

  • Schaffung eines „digitalen Marktplatzes*“ auf Basis eines offenen Ökosystems, auf dem die Entwicklung, Produktion, Finanzierung und der Absatz von Akteuren neu kombiniert wird.
  • Die vertikale Integration der einzelnen Wertschöpfungen und Vertriebskanäle außerhalb des eigenen Wirkungskreises.
  • Erhöhung der Multiplikatorwirkungen durch Transparenz, Kollaboration und neue Geschäftsmodelle auf Grundlage vielfältiger, technologischer Innovationen (z.B. Cloud, Data Management, KI, Distributed Ledger, API Management, Open Industry/Open Banking, etc.).
  • Kapazitätsauslastung einzelner Akteure mit unterschiedlichen Kernkompetenzen, z.B. Maschinenkapazitäten, Auslastung Infrastruktur, Vermeidung hoher Anschaffungs- und Investitionskosten, etc..
  • „Servitisation“ und „Sharing Economy“ als Geschäftsgrundlage für Arbeitsteilung (neue Formen der Zusammenarbeit „Service by Demand“), einhergehend mit höherer Transparenz und verbesserter Kostenvergleiche auf einer Plattform.
  • Neue Business Cases für zusätzliche Ertrags- und Wachstumsmodelle.
  • Verknüpfung und Integration von diversen Finanzdienstleistungen (z.B. Zahlungsverkehr, Leasing, Facturing, Finanzierung & Kredit, Bonitätsprüfung, Betrugsprävention, Onboarding, Compliance, etc.) ohne Brüche und sinnvolle Verknüpfung mit Industriewertschöpfung (IoT).
  • Neue Zahlungsmodelle wie Pay per Use.
Design Thinking bei GFT
Quelle: Christiane Schabarum, GFT Design Thinking Workshop, 2020

Die Idee des „Factory as a Service“ existiert aktuell nur als Gedankenkonstrukt. Die Inhalte entsprechen jedoch durchaus realistischen Modellen, die auf Grundlage bereits heute existenter Technologien sinnvolle Antworten auf elementare betriebswirtschaftliche Fragestellungen zur Kosteneffizienz, zu Wettbewerbsvorteilen und neuen Ertragsquellen geben.

Gemäß des Zitats von Henry Ford: „Wenn ich die Menschen gefragt hätte, was sie wollen, hätten sie gesagt, schnellere Pferde“, sind diese neuen Geschäftsmodelle auf Basis digitaler Ökosysteme heute vielleicht noch ein Novum und somit futuristisch. Sie zeigen jedoch durchaus sinnvolle Szenarien auf, welche die nächste Wachstumswelle in der Industrie und der Finanzdienstleistungsbranche einleiten. Es bleibt spannend!

PS: Ein Blick auf den sogenannten Plattform-Index führender Plattformanbieter gewährt einen interessanten Einblick auf die Zukunftserwartungen im Markt!

 

*Die Begrifflichkeiten „Ökosystem“ und „Marktplatz“ werden von unserer Autorin synonym verwendet.

[1] Integration: = Sinnvolle Zusammenführung bestehender Systeme (technologisch)

[2] Kollaboration: = Arbeitsteilung und Zusammenarbeit schaffen gemeinsame Vorteile auf Basis eines digitalen Ökosystems