Die Königsdisziplin der Finanzinstitute: Risikomanagement


Finanzintermediäre und ihre Rolle im Umgang mit Risiken

Für Finanzintermediäre aller Coleur – egal ob Banken, Versicherungen, Kapitalmarktakteure oder Asset Manager – haben Risiken für die Entwicklung ihrer Geschäftsmodelle sowie ihrer Wettbewerbsfähigkeit eine besondere Bedeutung. Vor allem Finanzinstitute sind Experten in der Bewertung und Steuerung von Risiken.  Sie sind wesentlich für die Stabilität der Wirtschaft und des Finanzsystems verantwortlich und somit unentbehrliche Intermediäre im gesamten Wirtschaftssystem. Ihre Kernkompetenz ist die realistische Einschätzung von Risikofaktoren wie beispielsweise Liquiditäts-, Umwelt- oder Compliance-Krisen, eine adäquate Adaption sowie die entsprechende Absicherung der Folgen für Wirtschaft und Gesellschaft.

Entsprechend setzt auch die Regulatorik (u.a. BaFin) als selbstverständlich voraus, dass Finanzdienstleister als Experten für Risiken und Risikomanagement fungieren, um einerseits selbst erfolgreich im Markt zu agieren und andererseits die Stabilität des Finanzsystems nachhaltig zu sichern. Neben der realistischen Bewertung , Berücksichtigung und Integration in ihre Geschäftspolitik und ihr operatives Wirken, wird das Thema Risikomanagement unter den neuen Zeichen der Zeit eine besondere Königsdisziplin für Finanzinstitute darstellen.

Ein Blick in die Prognosen der Risiken, die uns laut Experten in den kommenden zehn Jahren bevorstehen, ist daher lohnenswert.

Die Risiken der nächsten Dekade

Seit über 50 Jahren kommen alljährlich die einflussreichsten Menschen der Welt in Davos zum Wirtschaftsforum zusammen, um „die Welt zu einem besseren Ort zu machen“, so Forumgründer Klaus Schwab. Ein wichtiger Agendapunkt besteht darin, die wesentlichen Risiken unseres Zeitgeschehens zu identifizieren sowie ihre Folgewirkungen zu diskutieren. Stets mit dabei sind international führende Wirtschaftsexperten, Politiker, Intellektuelle und Journalisten, die sich über aktuelle globale Fragen austauschen.

Ein Rückblick zeigt die Vielfalt der Themen, die den jeweiligen Zeitgeist geprägt haben. So waren beispielsweise die Terrorismusbekämpfung in den 80er und 90er Jahren, Technologiethemen wie das Internet in den 90ern, die Wirtschaftskrisen von 2008 und der Klimawandel im Jahr 2020 Ereignisse, die im Zentrum der Diskussionen standen. Sie illustrieren mögliche Risiken, die auf Gesellschaft, Politik und Wirtschaft einwirken. Und oftmals dienen sie als Kompass und Weichenstellung für die Herausforderungen der unmittelbaren Zukunft .

Beim diesjährigen Auftakt stand der Klimawandel und die damit einhergehenden strukturellen, ökologischen und ökonomischen Implikationen im Vordergrund. Zur Analyse und Bewertung der allgemeinen Lage wurden empirische Grundlagen aus dem „Global Risk Report 2020“ herangezogen, um die wahrscheinlichsten Risiken der nächsten zehn Jahre zu definieren. Die Erkenntnisse können als Vorboten für gravierende Umwälzungen in allen Lebensbereichen interpretiert werden. 750 Experten heben in diesem Jahr folgende Risikofelder als besonders signifikant hervor:

Global Risks Interconnections Map
The Global Risks Interconnections Map (Quelle: Global Risks Report 2020, World Economic Forum)

„Banken sind von Klimarisiken in vielerlei Hinsicht betroffen. Die direkten Risiken, also zum Beispiel Schäden durch Stürme, Überflutungen oder die schleichende Verschlechterung von Produktions- und Arbeitsbedingungen, können Banken unmittelbar treffen. (..) Unter solchen Vorfällen leidet nicht nur die Kapitaldienstfähigkeit von Kunden, sondern auch der Wert der Kreditsicherheiten.“ Raimund Röseler, Exekutivdirektor Bankenaufsicht, BaFin

Die Hauptrisiken für die kommenden zehn Jahre

Eindeutig wurde dieses Jahr die Klimakrise als Hauptrisiko eingestuft, die unmittelbare Folgerisiken in andere Bereiche ausstrahlt und u.a. mit diesen korrelierende Kausalitäten hervorruft. Aus dem aktuellen Global Risk Report 2020 sowie den Analysen des ZDF (1) gehen folgende Beobachtungen hervor:

Das Klimarisiko

Der Klimawandel und seine Rückkopplungen werden zum ersten Mal in der Historie des Global Risk Reports als langfristiges Hauptrisiko genannt. Grund dafür sei u.a. die Tatsache, dass die Folgen des globalen Klimawandels inzwischen signifikanter gespürt werden als usprünglich vorhergesehen. Ob Extremwetter, Umweltschäden oder irreversible Naturkatastrophen, der Klimawandel wird als das gefährlichste Risiko der nächsten Dekade eingestuft, der seine Wirkungen in alle Lebensbereiche ausstrahlen wird. Ein „planetarischer Notfall“, der u.a. soziale und geopolitische Spannungen sowie gravierende negative wirtschaftliche Entwicklungen zur Folge haben kann, wird als realistisches Szenario prognostiziert.

Das Artensterben und die Abnahme der Biodiversität

Das aktuell beobachtete Aussterben der Artenvielfalt sei laut Experten zehn- bis hundermal höher als der Durchschnitt der letzten zehn Millionen Jahre. Dieser Rückgang der biologischen Vielfalt gehe mit signifikanten Konsequenzen einher – vom Zusammenbruch der Lebensmittel- und Gesundheitssysteme bis hin zur Störung der gesamten Lieferkette ist die Rede.

Die Folgen für die Weltwirtschaft

Bei anhaltenden geopolitischen und geoökonomischen Unsicherheiten prognostizieren 78% der befragten 750 Experten einen Abwärtsdruck der Weltwirtschaft. Bereits für 2020 wird eine zunehmende „wirtschaftliche Konfrontation“ sowie eine „innenpolitische Polarisierung“ vorausgesagt. Zunehmende nationale und internationale Spaltungen einhergehend mit einer konjunkturellen Abkühlung werden als realistische Konsequenzen eingestuft.

Die Digitalisierung als Risikofaktor

Laut aktuellen Experteneinschätzungen seien mittlerweile 50% der Weltbevölkerug online, wobei zwei Drittel hiervon ein Mobilgerät besitzen. Gleichzeitig gehen täglich im Durschnitt etwa 1 Million Menschen zum ersten Mal online. Das Fehlen eines globalen Rahmens für die Digitalisierung wird von den Experten als ein weiterer Risikofaktor eingestuft. Hierbei stellt die Unsicherheit im Internet (u.a. Cybercrime, Datenschutz, etc.) ein erhebliches Risiko dar. Der Ausfall der Informationsinfrastruktur wird im Bericht als das wahrscheinlichste Risiko in den nächsten zehn Jahren definiert. Im selben Atemzug wird ein großes Wachstum digitaler Technologien vorausgesagt, die „dramatische Veränderungen“ der Wirtschaft und Gesellschaft zur Folge haben werden. Bis 2025 wird beispielsweise ein enormer Anstieg in den Bereichen Cloud Computing, autonome Fahrzeuge, Präzisionsmedizin und Drohnen prognostiziert.

Der Druck auf die Gesundheitssysteme

Zunehmende Wohlstandseffekte, den die Gesundheitssysteme im letzten Jahrhundert zu vermerken hatten, drohen zu schwinden. Die Erhöhung der Lebenserwartung und die Kosten für die Behandlung chronischer Krankheiten setze in vielen Ländern die Gesundheitssysteme unter Druck und stelle ein Systemrisiko dar.

Die Reaktion der BaFin

„Wer sehenden Auges die Wirklichkeit wahrnimmt, muss anerkennen, vor welche Herausforderungen der Klimawandel und weitere ökologische und soziale Risiken uns alle stellen. Auf diese Herausforderungen werden wir nur mit einer engagierten und strategisch gut positionierten Finanzindustrie adäquat antworten können.“ Raimund Röseler, Exekutivdirektor Bankenaufsicht, BaFin

Angesichts dieser neuen Dynamik ist es nur konsequent, dass auch die Gesetzgebung und Regulatorik mit den Mindestanforderungen an das Risikomanagement auf die neuen Rahmenbedingungen reagieren wird. Bereits im September 2019 äußerte sich die BaFin mit einem Merkblatt zum Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken und hob die Bedeutung der Berücksichtigung von physischen und transitorischen Risiken hervor. Für Finanzinstitute impliziert dieser Schritt eine bindende Verpflichtung, um die aktive Auseinandersetzung mit den Nachhaltigkeitsrisiken mit Nachdruck der Regulatorik sicherzustellen.