Banking-Zukunft: Digitale Ökosysteme bringen neue Kunden und Wachstumsimpulse


Schon bald werden Plattformmodelle in der Finanzbranche und der Industrie eine elementare Rolle spielen. Das macht den Weg frei für vielversprechende Partnerschaften und Geschäftsmodelle. Wo liegen die größten Chancen? Ein Ausblick.

Wenn Daten das Gold des 21. Jahrhunderts sind, können Banken-Entscheider sorgenfrei in die Zukunft blicken. Viele Finanzhäuser sitzen auf einem Berg von Daten, den es mit digitaler Technik zu strukturieren gilt. Denn künftig sollten die Verantwortlichen nicht nur den finanziellen Status Quo ihrer Kunden im Blick haben, sondern auch erkennen können, welche größeren Anschaffungen anstehen oder was sie kürzlich gekauft haben. Mit diesen Informationen und Partnern, die über digitale Schnittstellen (APIs) entlang der Customer Journey angebunden werden, lassen sich gezielt Kunden ansprechen und neue Erlösquellen schaffen – bis hin zur Produktvermarktung auf Social-Media-Plattformen wie WhatsApp. Voraussetzung ist der Einsatz neuer Technologien aus den Bereichen Künstliche Intelligenz, Augmented & Virtual Reality oder Blockchain.

Künstliche Intelligenz: Daten monetarisieren

KI-Lösungen wie das maschinelle Lernen können aus großen Datenmengen Verhaltensmuster herauslesen. Algorithmen versetzen Banken in die Lage, Entscheidungen von Kunden vorauszusagen und die entsprechenden Erkenntnisse mit anderen Unternehmen zu teilen, um zur jeweiligen Lebenssituation passende Angebote zu machen – von der günstigen Versicherungspolice für den Neuwagen bis zum nachhaltigen Ansparfonds für das jüngste Familienmitglied. Die Künstliche Intelligenz kann aber noch mehr: Schon beim Start einer künftigen Banking-App, die Finanzdienste mit weiteren attraktiven Konsum- und Serviceangeboten verbindet, wird der Kunde von einem freundlichen Chatbot begrüßt, der auf die komplette Historie zurückgreifen und personalisierte Auskünfte geben kann. Besteht der Wunsch nach einer Finanzierung, folgt die automatisierte Risikobeurteilung per Robotic Process Automation. Danach bestellt der Kunde das gewählte Produkt direkt beim Shopping-Partner der Bank. Noch komfortabler geht es schon heute in China: Im Reich der Mitte ist besonders bei jungen Verbrauchern Social Shopping beliebt, also der spontane Kauf von Produkten über Links, die in sozialen Netzwerken geteilt werden. Dieser Trend wird sicher auch nach Deutschland kommen. Finanzdienstleister, die an den neuen Geldströmen mitverdienen wollen, benötigen starke Partner aus der Konsumgüterindustrie, um die größtmögliche Sichtbarkeit zu erreichen – unabhängig davon, ob sie selbst eine Plattform aufziehen oder bei einer anderen andocken.

Augmented & Virtual Reality: Produkte emotionalisieren

Augmented Reality reichert Objekte mit digitalen Informationen auf einem PC- oder Smartphone-Screen an. Dadurch werden nicht nur Beratungsprozesse ohne Filialbesuch Realität. Auch die Vermarktung der häufig abstrakten Finanzprodukte lässt sich mit virtuellen Zusatzinfos oder erklärenden Schaubildern erheblich verbessern. Noch einen Schritt weiter geht die Virtual-Reality-Technik, die computergenerierte Inhalte mit einer VR-Brille sichtbar macht. Wie diese Technologie nüchterne Banking-Angebote für junge Konsumenten spannend macht, zeigt die französische Großbank BNP Paribas. Selbst Überweisungen sind dort via VR möglich. Damit untermauert die Bank ihr Streben nach neuen Formen der User Experience. Das digitale Kundenerlebnis auf eine neue Stufe stellen soll auch eine Virtual-Reality-Tour für Immobilieninteressierte, die mit einem Service der Bank auf Besichtigungstour durch freie Wohnungen gehen können.

Blockchain: Transaktionen automatisieren

Mit der zunehmenden Verbreitung digitaler Ökosysteme wachsen die Chancen, dass sich die Blockchain-Technologie vom Hype zur Businesslösung für den Alltag entwickelt. Vor allem Smart Contracts, mit denen sich sämtliche Transaktionen automatisieren und die Vertragsparteien zur Einhaltung ihrer Pflichten zwingen lassen, sind für plattformbasierte Wertschöpfungsketten ein Plus, an denen Player aus unterschiedlichen Branchen beteiligt sind. Potenzial aus Bankensicht bieten außerhalb des Finanzmarktes vor allem Mobilitätsplattformen. Bei Mobility-as-a-Service-Projekten befinden sich die beteiligten Unternehmen (Fahrzeughersteller, Betriebe des öffentlichen Nahverkehrs, Finanzdienstleister, usw.) im permanenten digitalen Austausch. Die ersten derartigen Konzepte sind bereits angekündigt. So hat Daimler unlängst eine offene Carsharing-Plattform mit Blockchain vorgestellt. Hier kann die Technologie eingesetzt werden, um autonom rollende Fahrzeuge zu verfolgen, die Nutzer eindeutig zu identifizieren und die Bezahlung der von den Transportmitteln automatisiert errechneten Mietgebühren zu überwachen.

Finanzdienstleister haben jetzt die Qual der Wahl: Sie können Ökosysteme mit Corporate-Governance-Regeln und nachfragestarken Partnern aufbauen. Sie können vernetzte Finanzdienste entwickeln, auf fremden Plattformen platzieren und die Tür zu völlig neuen Geschäftsmodellen aufstoßen. Sie können aber auch weitermachen wie bisher. Dann besteht die Gefahr, dass sie zu Infrastrukturanbietern mutieren, wie der Banking-Vordenker und FinTech-Gründer Brett King befürchtet: Der provokative Untertitel seines Buches „Bank 4.0“ lautet: „Banking Everywhere, Never At A Bank“ (frei übersetzt: Bankgeschäfte überall tätigen, aber niemals bei einer Bank). Die Finanzhäuser haben ihre Zukunft selbst in der Hand.