Plattformökonomie und die Auswirkungen auf die Finanzbranche: Ein Interview mit Dr. Ulrich Meyer, Managing Director Financial Services bei GFT


Die steigende Relevanz digitaler Plattformen stellt den Finanzsektor vor neue Herausforderungen – insbesondere seit Open Banking und PSD2 den Weg für einen tiefgreifenden Wandel ebnen. Welche Auswirkungen dies auf die Branche hat, wie der Status Quo ist und wie die Zukunft diesbezüglich aussieht, beschreibt Dr. Ulrich Meyer, Managing Director Financial Services bei GFT, im Interview.

Ulrich, bitte hole unsere Leser zunächst einmal ab: Was versteht man unter Plattformen?

Ulrich: Das ist eine berechtigte Frage, denn IT-Experten verstehen darunter oftmals etwas Anderes als beispielsweise Ökonomen. Aus meiner Sicht haben Plattformen drei wesentliche Merkmale: Zum einen sind sie auf die Verknüpfung von Marktakteuren spezialisiert, da sie auf Interaktion beruhen und so Angebot und Nachfrage zusammenbringen. Zudem haben sie Zugriff auf Interaktionsdaten und können auf diese Weise ganz neue Märkte schaffen: Aufgrund der Tatsache, dass sie die Marktakteure mit diesen Daten viel besser zusammenführen können, wachsen diese Plattformmärkte viel schneller als lineare Märkte. Außerdem können Akteure ihre eigenen Dienste auf der Plattform eines Kooperationspartners ausrollen, was die eigene Reichweite erheblich vergrößert und Kunden ein komfortables „One-Stop-Shop-Erlebnis“ bietet.

Dr. Ulrich Meyer, Managing Director Financial Services bei GFT

Kannst du Beispiele für erfolgreiche Plattformen aus anderen Branchen nennen?

Ulrich: Es gibt zahlreiche Beispiele, darunter die großen und wichtigsten Unternehmen unserer Zeit. So stehen beispielsweise Amazon oder AirB’n’B in erster Linie nicht nur für Produkte, sondern vielmehr für Geschäftsmodelle. Meist ist das Geschäftsmodell ausschlaggebend für drastische Veränderungen im Markt – und nur selten das Produkt. Ein bekanntes Exempel ist das iPhone, das zunächst ein reines Produkt war. Die Verkaufszahlen gingen erst durch die Decke, als Apple einen App-Store entwickelt hat und aus dem Produkt eine Plattform wurde. Das verdeutlicht, dass Plattform-Modelle ganz anders skalieren.

Wie steht es um die Plattformökonomie bei Banken?

Ulrich: Auch bei Banken ist die Plattformökonomie langsam angekommen und es wird viel dazu diskutiert – vor allem seit Schlagworte wie Open Banking und PSD2 in aller Munde sind. Finanzunternehmen, die ihren Kunden über digitale Plattformen attraktive Angebote mit Mehrwert unterbreiten können, haben alle Trümpfe zur Erschließung neuer Erlösquellen entlang verschiedener Wertschöpfungsketten in der Hand. Zudem besteht mit Open Banking und Banking-as-a-Service die Möglichkeit, eigene Dienste auf der digitalen Plattform eines Kooperationspartners auszurollen – etwa aus dem Konsumgüterbereich. Angesichts der Tatsache, dass die Kundenbindung immer mehr an Bedeutung gewinnt, sollten die Banken ihren Datenbestand mit neuen technologischen Verfahren wie dem maschinellen Lernen auswerten. Dies eröffnet die Chance, näher an den Kunden heranzurücken und frühzeitig zu erkennen, welche Produkte zu dessen aktueller Lebenssituation passen. Selbstverständlich sind dabei die strengen gesetzlichen Datenschutzvorgaben zu beachten. Viele Banken haben bereits erste Schritte eingeleitet und von der ersten Welle der Digitalisierung profitiert. Betrachtet man aber die digitale Innovation an sich sowie die die komplette Transformation des Produkts auf die Plattform, besteht noch deutlich Luft nach oben – vor allem bei deutschen Unternehmen.

Wie sieht deiner Meinung nach die Zukunft diesbezüglich aus?

Ulrich: Der entscheidende Punkt ist, dass die Konkurrenz nicht mehr nur aus Banken besteht. Unternehmen wie Amazon, Google, Apple, Tencent und Ant Financial investieren enorm in das Plattform-Banking, indem sie sich entweder in den Finanzmarkt einkaufen oder eigene Produkte mitbringen. Diese Firmen sind extrem auf Vormarsch und gewinnen immer mehr an Bedeutung.

Zur Verdeutlichung dieser Aussage möchte ich gerne ein Beispiel anbringen: In den vergangenen 20 Jahren ist die Anzahl der Plattformen unter den Top 10 der höchstbewerteten Gesellschaften der Welt von eins auf sieben gestiegen. Ich bin mir sicher, dieser Trend wird sich fortsetzen. Banken sollten hier unbedingt mitziehen.

Vielen Dank für das Interview, Ulrich!