Neue Paradigmen der künstlichen Intelligenz: Interview mit KI-Pionier Eberhard Schöneburg


Es gibt keinen Zweifel daran, dass künstliche Intelligenz (KI) in jeder Branche, in der Geschäftsprozesse automatisiert werden können, eine zentrale Rolle spielen kann. Wir sprachen mit Eberhard Schöneburg, vielfach ausgezeichneter Wissenschaftler und Pionier der künstlichen Intelligenz, darüber, was dies für den Bankensektor bedeutet, und über seine Ansichten zu den neuen Trends rund um diese Technologie.

Eberhard, was sind Ihrer Meinung nach die vielversprechendsten Anwendungsgebiete künstlicher Intelligenz im Bankensektor und welche Teildisziplinen werden für Banken am wichtigsten sein? 

Eberhard: Ich sehe generell zwei interessante Bereiche: Blockchain-Aktivitäten und künstliche Intelligenz – und insbesondere die Kombination von beidem. Meiner Meinung nach liegt darin das größte Potenzial. Bei den Disziplinen gibt es im Bankensektor zwei Bereiche, die getrennt voneinander zu sehen sind: einmal alles, was mit dem Front-End zu tun hat, und zum anderen alles, was im Back Office passiert. Die Anforderungen sind in diesen beiden Bereich sehr unterschiedlich. Im Front-End wird die Verarbeitung natürlicher Sprache (Natural Language Processing, NLP) eine zentrale Rolle spielen. Das wird auch die höchste Rendite einbringen. Im Back Office sind die Dinge vielschichtiger – es gibt ältere Systeme, die berücksichtigt werden müssen, umfangreiche Möglichkeiten der Optimierung und Automatisierung von Prozessen und so weiter. Viele Bankensysteme sind zehn, zwanzig Jahre alt und diese durch moderne KI zu ersetzen, ist eine Mammutaufgabe.

Erwarten Sie in den kommenden Jahren deutliche Entwicklungssprünge in den KI-Disziplinen?

Eberhard: Das ist eine gute Frage. Es gibt zwei Gebiete, mit beiden beschäftige ich mich. Bei einem geht es um sogenannte „schwache“, also sehr spezialisierte und trainierte KI-Anwendungen im Bankenwesen und beim anderen um Artificial General Intelligence (AGI), also Systeme, die die menschliche Denkweise nachvollziehen, und alternative KI (Alternative AI, AAI). In letzteren wird es wahrscheinlich sehr bald Quantensprünge in der Entwicklung geben und die Probleme, die wir bisher nicht lösen konnten, werden behoben werden. Das Gebiet der schwachen KI dominiert aktuell jedoch den Markt und wird das auch noch für eine Weile tun, da es sich hierbei um bewährte Systeme handelt. Kurzfristig wird der Fokus also eher auf den Bereichen schwache KI, Deep Learning und Ähnlichem liegen, aber mittel- und langfristig treten fortschrittlichere Technologien in den Vordergrund.

Können Sie Beispiele nennen, was uns künftig im Bereich der künstlichen Intelligenz erwartet?

Eberhard: Nun, aktuelle KI-Modelle leiten sich mehr oder weniger von der Funktionsweise des menschlichen Gehirns ab. Es gibt jedoch noch weitere interessante Modelle, besonders für dezentralisierte Systeme: die Schwarmintelligenz zum Beispiel. An Tierkolonien wie den Ameisen wird untersucht, wie diese funktionieren und sich selbst organisieren, wie sich also Intelligenz entwickelt. Auch Bakterien, die seit Millionen von Jahren auf der Erde existieren, viel länger als jede andere Spezies, werden untersucht. Sie können extrem intelligent sein und sich selbst organisieren, sie arbeiten zusammen. AGI und AAI habe ich bereits erwähnt. Dies sind die neuen Paradigmen der künstlichen Intelligenz, die sehr bald erschlossen werden.

Wo sehen Sie Bewegung in Bezug auf KI für den Bankensektor?

Eberhard: Banken sind nicht gerade bekannt für ihre Innovationskraft, nicht wahr? Was wir aber generell beobachten, ist, dass asiatische Banken bzw. Banken, die vorwiegend in Asien tätig sind, sehr viel aggressiver und innovativer sind als die traditionellen Banken in Europa, und vor allem in Amerika. Man muss sich das mal vorstellen: In den USA werden immer noch Schecks als gängiges Zahlungsmittel verwendet. Handschriftlich ausgestellte Schecks! In Europa ist es schon deutlich üblicher, dass Finanztransaktionen automatisiert abgewickelt werden, aber der Kernpunkt ist: In Zukunft wird man nicht mehr auf die traditionellen Banken als Zwischenhändler angewiesen sein. Anbieter von Messaging-Diensten, die Googles dieser Welt, die chinesischen Marktakteure – sie werden die Rolle der Banken übernehmen. Das ist eine große Bedrohung und es ist unbedingt erforderlich, dass etwas dagegen unternommen wird.

Apropos Bedrohungen und neue Marktakteure: Welche Start-ups sollten Banken auf dem Radar haben?

Eberhard: Ganz allgemein denke ich, dass Banken gut beraten wären, wenn sie die Entwicklungen kennen und mit FinTechs zusammenarbeiten würden – nicht sie schlucken, sondern eine Vorgehensweise finden, um ihre Dienste zu integrieren. Es gibt zahlreiche vielversprechende Ansätze. Eine der interessantesten Firmen, die ich kenne, ist ein asiatisches Unternehmen, das eine allgemeine Plattform für KI-Anwendungen bereitstellt. Anstatt also mit nur einer KI-Anwendung zu arbeiten, nutzen Sie diese Plattform und den Service einer bestimmten KI, die ihrerseits im Hintergrund weitere KI-Anwendungen, von denen Sie gar nichts wissen, heranzieht. Das ist meiner Meinung nach ein toller und sehr starker Ansatz, da er das Prinzip der Selbstorganisation und eine zugrunde liegende KI-Struktur nutzt, bei der die einzelnen KI-Module einander für ihre Dienste bezahlen. Weitere zu erwähnende Bereiche sind alle Aspekte rund um Messaging-Dienste und in diese Messaging-Systeme integrierte KI, wobei ich betonen möchte, dass die Möglichkeiten in Asien andere sind als in Europa, da man in Asien deutlich weniger Bedenken in Bezug auf Datenschutz, Regeln und Vorschriften hat. Deshalb kann man in Asien durch KI und mit KI Dinge tun, die so in Europa nicht möglich wären.

Vielen Dank für das Interview!


Hier geht’s zum Video-Interview mit Eberhard Schöneburg: