„IT hat nicht nur was mit Mathe zu tun“ – über Werte, Rollenbilder und die Digitalisierung


Zwei Jahre ist es her, dass wir mit unserer Kollegin Silke Tessmann-Storch, damals Senior Projektmanagerin bei GFT, über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Frauen in der IT-Branche und ihre Rolle im Unternehmen gesprochen haben. Heute leitet Silke die PSU Technology and Delivery in GFT Deutschland: Ein Karriereschritt, der viele spannende Aufgaben, einige Herausforderungen und natürlich auch neue Erkenntnisse mit sich gebracht hat.

Silke, zu unserem letzten Interview lautete dein Titel noch Senior Project Managerin, du warst für die Client Unit Markets im Delivery Management und das Mentorenkonzept zuständig. Was hat sich in den letzten zwei Jahren spannendes für dich getan?

Silke Tessmann-Storch, Head of PSU Technology & Delivery, GFT Deutschland

Silke: Eigentlich hatte ich mich in meinem Bereich gut eingelebt und wohl gefühlt, doch dann hat der damalige Head of PSU Delivery & Technology Oscar Albericio entschieden, zurück nach Spanien zu gehen. Somit wurde diese Leitungsposition frei und für mich bot sich die Möglichkeit, den nächsten Schritt zu gehen. Dabei habe ich mir vor allem selbst die Frage gestellt: Passt mein Zeitkontingent wirklich zu den Rahmenbedingungen und Anforderungen einer solchen Position? Denn so flexibel mein Mann auf viele Dinge unterstützend reagieren kann, habe natürlich auch ich Pflichten und eine Verantwortung zuhause, der ich weiterhin nachgehen muss und vor allem auch will. Es galt also zu klären, ob sich dieses Familienkonzept mit einer Management-Position verheiraten lässt.

Mittlerweile mache ich den Job schon fast zwei Jahre und auch wenn es am Anfang herausfordernd war, wächst man in die Schuhe rein, die man sich anzieht und ich denke, dass ich ganz selbstbewusst sagen kann, dass ich eine ganze Menge an neuen Dingen eingebracht habe, auf die ich auch sehr stolz bin.

Wie hat sich deine Arbeit konkret verändert?

Silke: Personalführung war durch das Mentoren-Programm kein ganz neues Thema für mich, aber natürlich sind Aspekte dazugekommen, die ich in dieser Tiefe noch nicht kannte. Seien es Beförderungs- oder auch Gehalts- und Einstellungsentscheidungen. Seit 2017 durchleben wir in GFT Deutschland einen Wandel, denn wir sind sehr stark gewachsen: Als ich die Abteilung übernommen habe, waren es 95 Mitarbeiter, heute sind es über 150. Das hat einen zentralen Stellenwert in meiner Arbeit eingenommen und war am Anfang eine ziemliche Herausforderung. Aber man entwickelt recht schnell ein Gefühl dafür, was und wer passen könnte und bekommt eine gewisse Routine. Wobei das Wort Routine im Zusammenhang mit Menschen natürlich schwierig ist, am Ende des Tages ist doch jeder anders. Was ich sagen will; man gewöhnt sich an die Verantwortung, einfach entscheiden zu müssen, inklusive des Risikos, Fehler zu machen.

Auf der Suche nach neuen Mitarbeitern stellen wir potentiellen Kandidaten immer wieder unsere fünf Unternehmenswerte caring, collaborative, committed, courageous und creative vor. Gibt es einen Wert, mit dem du dich persönlich besonders identifizierst?  

Silke: Ein Ranking der Unternehmenswerte fällt mir schwer, da alle für mich wichtig sind. Aber ich würde „caring“ vorne anstellen, gerade in Zeiten, wenn viele neue Kollegen ins Team stoßen, bekommt das eine ganz neue Bedeutung. Neue Leute bedeuten neue Konstellationen und in Sachen Integration haben wir schon so einige Lehrstunden gehabt. Hier haben wir angesetzt und im Onboarding-Prozess viele Themen installiert. Zum Beispiel lade ich neue Mitarbeiter in der Mitte ihrer Probezeit nochmal zu einem Gespräch ein: Wir gehen dann gemeinsam mit der Leitung des Recruitings Abendessen und sprechen außerhalb des Arbeitsumfeldes darüber, was bisher stimmt und was vielleicht auch nicht. Auch hier spielen unsere Werte eine tragende Rolle: Wie bringt man die neuen Kollegen dazu, sich von Anfang an mit dem Unternehmen zu identifizieren, also committed zu sein?

Wachstum, vor allem in diesem Ausmaß, hat immer auch eine Auswirkung auf viele verschiedene Bereiche, beispielsweise die Trainingsplanung, das Talent Management oder auch Bench Management. Gerade letzteres war für Deutschland sonst kaum ein Thema und hat plötzlich ein ganz neues Gewicht bekommen. In diesem Zusammenhang sind wir äußert „creative“ gewesen und haben mit der Initiative „Brandi“ – Bench, Research and Development Initiative – eine Community gegründet, in der Mitarbeiter, die sich gerade nicht in einem Projekt befinden, abgeholt, eingebunden und herausgefordert werden. Das klappt hervorragend, bringt alte und neue Kollegen zusammen, die sich vorher nicht kannten oder zumindest nichts vom anderen wussten und ganz neue Talente zum Vorschein. Das ist etwas, worauf ich wirklich stolz bin.

Wir haben das letzte Mal viel über klassische Rollenbilder gesprochen und darüber, ob es Frauen in der IT schwerer haben. Das Thema erfährt gerade neue Aufmerksamkeit, nicht nur innerhalb der GFT. Hast du das Gefühl, dass sich in der letzten Zeit etwas verändert hat?

Silke: Grundsätzlich bleibe ich dabei, dass die persönliche Qualifikation im Vordergrund steht. Rein subjektiv habe ich den Eindruck, dass sich klassische Rollenbilder eher wieder verstärken. Sei es durch äußere Faktoren wie die Verfügbarkeit von Kinderbetreuungsmöglichkeiten oder bewusste Entscheidungen von Familien, dass sich einer wieder mehr zuhause kümmert. Natürlich ist es für mich heute von Vorteil, dass ich in einer Branche arbeite, in der sich Familie und Job verhältnismäßig einfach unter einen Hut bringen lassen. Aber die Mädchen, die sich mal für ein IT-Studium entscheiden könnten, ziehen diesen Aspekt heute nicht als Entscheidungskriterium heran. Für sie steht die Freude an einer gewissen Sache im Mittelpunkt und so sollte das ja auch sein.

Was sich meiner Meinung nach nicht verändert hat, ist die Einstellung vieler Eltern und leider auch die Ausstattung in den Schulen. Anstelle den Computer zu verteufeln oder ausgerechnet hier zu sparen, sollten wir die Neugier und das natürliche Herangehen an Medien und IT fördern – es gibt da einen echten Bruch in der Schule, obwohl es ganz tolle, auch geschützt Angebote für Kinder gibt. Die Prognosen für den Mangel an Entwicklern und Informatikern bewegen sich in unglaublichen Dimensionen. Da muss doch mal jemand auf die Idee kommen, dass es da einen Zusammenhang gibt. Schulbildung muss digitaler und den Lehrern die Möglichkeit gegeben werden, sich entsprechend weiterzubilden. Das ist für mich ein ganz essentieller Baustein. Wir können uns nicht einfach hinstellen und schimpfen, Frauen entscheiden sich nicht für ein IT-Studium. Das ist, finde ich, sehr kurz gedacht. 

Welchen Ratschlag würdest du deinen Töchtern geben, wenn sie sich für eine Karriere in der IT-Welt entscheiden würden?

Silke: Ich versuche meinen Kindern vorzuleben, dass sie alles werden können, auch als Mama und Frau und ich habe schon das Gefühl, dass meine Mädchen das sehen und da auch stolz darauf sind. Für mich ist es wirklich wichtig, dass sie mit verschiedenen Themen und Bereichen in Berührung kommen. Eine gewisse Tendenz und unterschiedliche Interessen entwickeln sich dann automatisch. Ich bin ein großer Fan davon, Stärken zu fördern und bin da ganz zuversichtlich. Egal, ob das dann IT ist – sie werden finden, was zu ihnen passt.

Vielen Dank für das Interview, Silke!