Zurück auf Los – Warum bei der Digitalisierung jedes Talent zählt


Die digitale Transformation stellt derzeit ganze Branchen vor enorme Herausforderungen. Und sie setzt Vieles auf null. Sicher geglaubte Strukturen und bewährte Vorgehensweisen sind kein Garant mehr für künftigen Erfolg. Der Gewinnung und Bindung von qualifizierten Mitarbeitern – Männern wie Frauen – kommt eine Schlüsselrolle zu. Für Unternehmen wird die Förderung von Chancengleichheit daher zur Pflicht, denn jedes Talent zählt.

Gewiss, das Thema Chancengleichheit, vor allem mit dem Schwerpunkt der Frauenförderung, ist längst im gesellschaftlichen und medialen Diskurs angekommen und präsent. Gar zu präsent, mag der ein oder andere denken. Und doch sind wir noch weit entfernt von einer wirklichen Chancengleichheit. Die Zahlen sprechen für sich: Laut Digitalverband BITKOM lag der Frauenanteil im Jahr 2017 in der IT-Branche bei gerade mal 28 Prozent – ein im Vergleich zu den Vorjahren verbessertes Ergebnis, aber sicherlich keines, mit dem die Branche zufrieden sein kann. Auch im Top-Management geht es nur schleppend voran. Nur 7 Prozent aller Top-Managerinnen in IT-Unternehmen sind Frauen; im Mittel-Management beträgt der Anteil 8 Prozent.

Dabei ist jedem klar, der sich ernsthaft mit der Thematik beschäftigt, dass es nicht allein um Frauenquote oder Kinderbetreuung gehen kann. Vielmehr geht es darum, Strukturen zu fördern, die eine echte Chancengleichheit aller Talente erlauben, Männer wie Frauen.

Arbeitsalltag im Wandel

Nun also die Digitalisierung. Wie soll diese Entwicklung, die unsere Gesellschaft von Grunde auf verändert, ausgerechnet die Förderung von Frauen im Berufsleben begünstigen? Und was haben Unternehmen davon, außer Aufwand? Rechnet sich das auch?

Genau durch ihre disruptive Wirkung zwingt uns die fortschreitende Digitalisierung dazu, uns mit fest verankerten Mustern auseinanderzusetzen. Neues Denken ist gefragt; neue Kooperationen, neue Kompetenzen und die Bereitschaft zum kontinuierlichen Wandel.  

Gerade für die IT-Branche ist ein permanenter Wandel charakteristisch. Um veränderten Anforderungen gerecht zu werden, müssen Unternehmen heute mehr denn je ihre Arbeitsweisen überdenken. Teamübergreifende Vernetzung und Offenheit kommen hier ins Spiel. Es geht darum, die Kundenperspektive einzunehmen und die richtigen Partnerschaften einzugehen. Und es geht um Geschwindigkeit. Die Vergangenheit hat gezeigt: Technologieunternehmen, selbst einstige Weltkonzerne sind nicht per se vor einem Scheitern gefeit, wenn sie Trends nicht rechtzeitig erkennen oder auf die falschen Technologien setzen.

Veränderte Rahmenbedingungen als Chance

Kein Unternehmen kann es sich mehr leisten, auf qualifizierte Mitarbeiter zu verzichten. Ihr Wissen, sei es als Spezialisten oder Teil effizienter Teams, wird für Unternehmen zum entscheidenden Faktor. Das ist nichts Neues. Doch im Zuge der Digitalisierung verschärft sich der Kampf um Fachkräfte mit IT-Kenntnissen. Nicht nur die IT-Branche selbst, sondern auch die Anwenderbranchen, etwa die Automobilindustrie, suchen händeringend nach IT-Spezialisten. Für Unternehmen rückt das Thema Mitarbeitergewinnung und -bindung daher in den Fokus. Und sie tun viel dafür, diesen Wettbewerb für sich zu entscheiden und ein attraktiver Arbeitgeber zu sein. Immer mehr Unternehmen setzen auf Job-Sharing und flexible Arbeitszeitmodelle, die die Vereinbarkeit von Beruf und Familie erleichtern. Ebenso ermöglichen sie längere berufliche Auszeiten, ohne dass Mitarbeiter einen Karriereknick befürchten müssen.

Unternehmenskulturen sind im Wandel. Längst ist erkannt worden, dass das Prinzip der Führung in Organisationen überdacht werden muss, will man junge, engagierte Spezialisten gewinnen und halten. Eine offene Kommunikationskultur, flache Hierarchien, ein kooperativer Führungsstil – vieles, was vor einigen Jahren noch als Ausnahme galt, ist inzwischen Normalität.

Verändert haben sich auch die Anforderungen an Fachkräfte, vor allem im Hinblick auf ihre sozialen Kompetenzen. Experten arbeiten heutzutage verstärkt in interdisziplinären und internationalen Teams, zusammen mit anderen Fachbereichen und mit Kunden. Das erfordert neben technischem Know-how und Fremdsprachenkenntnissen auch Soft Skills wie Kommunikationsstärke, Teamfähigkeit und Empathie – Eigenschaften, die häufig mit Frauen assoziiert werden.

Eine zentrale Herausforderung für Unternehmen liegt beispielsweise darin, neue Möglichkeiten zu finden, um Innovationen hervorzubringen. Hier kommen kollaborative Methoden zum Einsatz. Um diese Komplexität erfolgreich zu managen, braucht es Schnittstellenkompetenz. Zunehmend wichtiger werden daher integrative und soziale Fähigkeiten.

Das Momentum nutzen

Und doch zögern viele gut qualifizierte Spezialistinnen, sich für diese spannenden Aufgaben zu bewerben oder die Chance zum nächsten Karriereschritt zu ergreifen. Das können wir als IT-Branche uns nicht mehr leisten. Vielmehr müssen wir es uns als Unternehmen zur zentralen Aufgabe machen, zu zeigen: Hier finden gute Mitarbeiter die richtigen Rahmenbedingungen und die notwendige Begleitung, um ihren Weg erfolgreich zu gehen. Dabei kommt es bei der Förderung echter Chancengleichheit nicht auf das Prinzip an: Viel hilft viel. Ob passgenaue Individuallösungen oder intelligente Förderprogramme – jedes Unternehmen kann seinen eigenen Weg finden, Strukturen so zu gestalten, dass Frauen sich ermutigt fühlen, den nächsten Karriereschritt zu gehen. Nicht etwa, weil dadurch die Statistik verbessert wird, sondern weil dies einen realen Mehrwert für Unternehmen bringt. Die Digitalisierung lässt nichts Anderes zu.

 


Der Beitrag „Wie die Digitalisierung das Arbeiten in der IT-Branche verändert – Einblicke in einen familiengeführten Technologiekonzern“ von Maria Dietz ist erschienen im Buch „Frauen in Führung“ von Barbara Lutz (Hrsg.). Das Buch legt den Frauen-Karriere-Index zugrunde und zeigt auf, wie gendergerechte Unternehmensführung und Innovationsfähigkeit zusammengebracht werden können.