Missgeschicke junger Programmierer im Unternehmensumfeld


Es geschieht nicht jeden Tag, dass sogenannte Unicorn-Start-ups gegründet oder Menschen wie Bill Gates und Steve Jobs geboren werden. Die heutigen Studienabgänger scheinen jedoch beim Eintritt in den Arbeitsmarkt genau diese Vision vor Augen zu haben. Es ist daher an der Zeit, der verzerrten Wahrnehmung über die Wirklichkeit eines Programmierers ein Ende zu bereiten. Die Flut an Informationen, mit Erfolgsbeispielen aus dem Unternehmertum, denen Absolventen ausgesetzt sind, hat einen schlechten Einfluss auf ihre Karriereentwicklung und führt dazu, dass sie im Unternehmensalltag schnell frustriert sind.

Das passiert vor allem deshalb, weil sie beim Eintritt in eine Firma kaum darauf vorbereitet sind und kein Wissen mitbringen, die Möglichkeiten und Bedürfnisse des Marktes zu verstehen. Die Einstellung, so erkläre ich das gerne, ist die eines Start-up-Entwicklers – diesem Typen mit den Unicorns im Kopf, der davon träumt, eine App zu entwickeln, an die bisher noch keiner gedacht hat und damit schnell reich zu werden. Wenn dieser Traum im realen Leben nicht eintritt, ist die Frustration hoch.

Das Verständnis von Unternehmertum ist begrenzt, obwohl das Konzept eigentlich sehr weitläufig ist. Es geht darum, Möglichkeiten zu erkennen und diese in Taten umzusetzen und zwar mit dem Ziel, zur Evolution einer Firma beizutragen, einen Prozess zu verbessern oder einen neuen Bereich aufzubauen. Das ist ein viel größerer, breiterer Ansatz als das allgemeingültige Verständnis, der durch eine begrenztere und engere Sicht in den Hintergrund geraten ist.

Seniorität vs. Skills

Das zeigt sich auch in der Einstellung beim Eintritt in ein Unternehmen. Es kommt häufig vor, dass sogenannte Young Professionals ihr technisches Wissen mit Seniorität verwechseln – ein weiteres umstrittenes Thema am Beginn ihrer Karriere. Da stellt sich beispielsweise ein Entwickler, ein absoluter Anfänger und Neuling im Arbeitsmarkt, mit soliden Kenntnissen in einer Programmiersprache, einem Senior Developer vor. Bisher hatte er aber noch keine Gelegenheit, sein technisches Wissen an echten Projekten zu testen. Seniorität erlangt man mit Erfahrung, die nur durch die tägliche Routine gewonnen werden kann. In Projekten, durch schwierige Phasen, Misserfolge und Einschränkungen durch Kollegen oder Kunden – all dies ist essentiell. Hierdurch entwickelt man die Fähigkeiten, komplexe Situationen zukünftig zu meistern. Viele Absolventen jedoch starten mit der Erwartung, dass alles immer perfekt sein wird. Das ist sehr utopisch und entspricht schlicht und ergreifend nicht der Realität. Infolgedessen verlassen viele das Geschäftsfeld oder verstehen nicht, warum sie in ihrem Bereich keine guten Möglichkeiten bekommen.

Nun müssen wir uns allerdings fragen, wie wir uns dieser Realität stellen können. Ein Zitat von Thomas Edison, das mir persönlich sehr gefällt, hilft dabei, den Blick nach vorne zu richten: „Die meisten Menschen versäumen die günstige Gelegenheit, weil sie im Overall kommt und nach Arbeit aussieht.“ Um eine erfolgreiche Karriere aufzubauen, müssen sie härter, schneller und effizienter arbeiten. Das braucht Zeit und wird nicht direkt nach dem Abschluss an der Universität passieren. Die „Nach-86er Generation“ jedoch hat unmittelbare Erwartungen und ist nicht bereit, damit umzugehen.

Zeit, den Blickwinkel zu ändern

Um diese Aussichten zu verändern, müssen Fachkräfte verstehen, dass sie in erster Linie für das Eintreten von Erfolg oder Misserfolg verantwortlich sind, wie Larry Winget in „Mach deinen Job“ und „Halt deinen Mund, hör auf zu heulen und lebe endlich“ schreibt. Es braucht Hingabe; neue Technologien zu lernen, Sprachen, auf neue Möglichkeiten zu achten, usw., aber auch sich sehr gute Englischkenntnisse als Zweitsprache anzueignen, kann eine Herausforderung für Young Professionals sein, vor allem in Lateinamerika. Viele Absolventen können technische Dokumente lesen, sind aber mit alltäglicher Konversation überfordert. In einem Meeting oder einer Telefonkonferenz mit Kunden im Ausland reicht Technisches Englisch alleine nicht aus. Sie müssen in der Lage sein, Geschäftsregeln zu diskutieren, zu argumentieren und technische Ansätze oder vorgeschlagene Lösungen zu rechtfertigen.   

Dazu kommt, wie kürzlich eine LinkedIn-Studie mit mehr als 3.000 Teilnehmern belegt hat, das Soft Skills wie Kommunikation, Führung, Strategie und Selbstverwaltung wichtiger sind als Hard Skills. Eine gute technische Fachkraft, die eine Senior-Architect-Position anstrebt, wird dieses Ziel nicht erreichen, wenn er oder sie nicht in der Lage ist, für die eigenen Ansichten aufzustehen, einzustehen und sie zu verteidigen. Schreiben und Präsentieren sind gleichermaßen wichtig. Durch begrenzte Soft Skills drehen sich einige Fachkräfte auf der Stelle, obwohl sie ein großes technisches Wissen haben. Diese Fähigkeiten zu erlernen ist genauso wichtig, wie eine neue Programmiersprache zu beherrschen. Es ist an der Zeit, die Unicorns aus dem Kopf zu bekommen und sich an die Arbeit zu machen.