Komplexe und intransparente IT-Architekturen behindern die Geschäftsabläufe


Die digitale Transformation ist zwar in aller Munde, aber so manchen Entscheidungsträgern der Finanzindustrie ist dabei nicht präsent, dass die Digitalisierung in erster Linie im Backend beginnt. Und genau hier liegt der Kern des Problems. Während das Frontend mit modernsten Anwendungen glänzt, wird das Backend zumeist vernachlässigt und ist überfordert. Im Interview beschreibt Carlos Lozano Diez, Senior Enterprise Architect bei GFT, wie Banken die Modernisierung ihrer IT-Systeme meistern können und stellt uns den neuen Ansatz des Core Application Renewal vor.

Carlos Lozano Diez, Senior Enterprise Architect

Carlos, was passiert, wenn Banken ihr Backend nicht fit machen?

Ohne Modernisierung werden die IT-Systeme der Finanzbranche schon bald überlastet sein. Häufig wurde das Banking-Backend vor dem Beginn der Internet-Ära implementiert und zeichnet sich durch eine ebenso komplexe wie intransparente Architektur aus, die kaum Synergieeffekte zulässt. Das Kernbanksystem ist dabei nach wie vor das Rückgrat der Banken-IT. Bei vielen Finanzhäusern ist es jedoch so veraltet, dass es die Geschäftsabläufe enorm behindert.

Sollte also das Kernbanksystem ausgetauscht werden? Das klingt nach viel Aufwand.

Nein, die Umstellung auf ein komplett neues Kernbanksystem ist zumeist keine ratsame Lösung – zu hohe Kosten, zu lange Umstellungsdauer, zu großes Risikopotenzial.

Und wie kann dann die digitale Transformation gelingen?

Eigentlich ist es einfach. (lacht) Der Schlüssel liegt in der Modernisierung der Kernapplikationen im Backend – also aller Anwendungen, die klar geschäftsrelevant sind. So können Banken nämlich mehr Kapital aus den bereits vorhandenen Funktionalitäten schlagen.

Und was ist mit dem Frontend?

Dazu muss ich etwas weiter ausholen. Innovative Apps im Frontend sollen vor allem eines: Den Kunden begeistern. Das ist wichtig, aber sie bringen mittelfristig nur wenig, wenn nicht gleichzeitig das Backend auf die Höhe der Zeit gebracht wird. Banken verfügen bereits heute über hervorragende Endkunden-Apps – unser Konzept des Core Application Renewal zielt darauf ab, diese auch für das nächste Jahrzehnt erfolgreich zu machen. Das gelingt nur, wenn das Backend auf die Höhe der Zeit gebracht wird, so dass neue Produkte und Services basierend auf künstlicher Intelligenz oder Blockchain sinnvoll integriert werden können. Die Digitalisierung muss im Backend beginnen. Nur wer in beiden Bereichen investiert, wird Erfolg bei der digitalen Transformation haben. Andernfalls werden sich die komplexen IT-Probleme weiter verschärfen.

Die meisten Backend-Systeme haben folglich ihre besten Performance-Jahre hinter sich?

Das trifft den Nagel ziemlich genau auf den Kopf. Moderne Applikationen lassen sich bereits heute oft nur mit Umgehungslösungen anbinden. Das wiederum beeinträchtigt die grundsätzliche Funktionsfähigkeit und Geschwindigkeit in der Verarbeitung. Blicken wir nur auf das Datenmanagement. Der Kunde befindet sich bislang nicht im Zentrum des Systems. Es gibt keine Möglichkeit, alle zugehörigen Daten (wie Kontoinformationen oder Kontotypen) ganzheitlich abzufragen. Um ein vollständiges Bild zu erhalten, müssten Bankmitarbeiter jedes System einzeln aufrufen. Das ist umständlich und somit kostenintensiv. Außerdem kann nicht das volle Potenzial aus den Daten herausgeholt werden. Ähnlich sieht es übrigens auch beim Identifikationsmanagement aus. Kernapplikationen, die verschiedene Identifier verwenden, um auf dieselben Kundendaten im System zuzugreifen, schaffen ein hohes Maß an Komplexität und Redundanz. Hier wird zum Beispiel ein zentraler Primärschlüssel für jeden Kunden benötigt, so dass der Kunde dieselbe ID auf allen Systemen hat.

Es geht also um Leistungsfähigkeit?

Absolut. Die Kernapplikationen im Backend sind das Herzstück der IT und bestimmen maßgeblich die nach außen hin sichtbare Leistungsfähigkeit. Aber auch die intern genutzten Systeme brauchen dieses Update dringend. Auf Basis unseres Ansatzes verbessern wir grundlegendend die Prozesse – analog zur Digitalisierungsstrategie der Bank. Außerdem passen wir die Lösungen maßgeschneidert an. Unser Ziel ist es, die IT-Systeme so kosteneffizient wie möglich fit für die Zukunft zu machen und die Bank im Sinne der konsequenten Digitalisierung zu befähigen. Nicht zuletzt geht es hierbei übrigens auch darum, wie Finanzhäuser neue Geschäftsopportunitäten wahrnehmen und gestalten können.

Was sind dabei die primären Herausforderungen für Banken?

Banken sehen sich mit einer Quadratur des Kreises konfrontiert. Der Digitalisierungsdruck belastet die Systeme in hohem Maße. Strategische Erfordernisse, wie Kostensenkung, Ertragssteigerung und Verbesserung der Customer Experience erfordern den weitreichenden Umbau der gesamten Anwendungslandschaft. Besonders unflexible Legacy-Systeme, die heute eine Vielzahl an Medienbrüchen oder manuellen Schnittstellen voraussetzen, sind ein immenses Hindernis für die Transformation. Zudem muss es zukünftig jederzeit möglich sein, Produkte und Dienste von Dritten ohne großen Aufwand in die Banking-Plattformen zu integrieren.

Und wie können Banken mit Blick auf die Modernisierung der Kernapplikationen konkret vorgehen?

In einem ersten Schritt sollten sie ihre Schnittstellen für interne Prozesse öffnen, um sie mit digitaler Technik effizienter und flexibler zu gestalten. Als zweites sollte außerdem die Öffnung für andere Anbieter von Finanzdiensten, Businesspartnern und Kunden angegangen werden. Dabei müssen folgende Fragen im Mittelpunkt stehen: Wie lassen sich mit neuen Produkten oder Services Geschäftsmodelle abbilden und welche? Wie soll deren Monetarisierung erfolgen? Und wie bleibt dabei die Sicherheit der bankeigenen Applikationen gewährleistet? Die einzelnen Ansatzpunkte hinsichtlich Mainframe, API-Management, etc. führen wir im gerade veröffentlichten Whitepaper aus und leiten jeweils entsprechende Handlungsempfehlungen für die Umsetzung ab.

Vielen Dank für die interessanten Einblicke, Carlos.


Das Whitepaper zum Core Application Renewal können Sie hier auf der GFT Website herunterladen.