Dropbox-Chef Blüher: „Cloud-Technologie bedeutet nicht nur für Unternehmen ein Umdenken, sondern auch für Anbieter“


Der Countdown zum 2. GFT Inspiration Day läuft und wir werfen erneut einen genaueren Blick auf die Speaker, die die Gäste am 29. Juni in Stuttgart erwarten. Oliver Blüher ist Geschäftsführer für Deutschland, Österreich, die Schweiz sowie die skandinavischen Länder bei Dropbox. Bevor er zu Dropbox kam, war Oliver Blüher als Mitglied der Geschäftsleitung verantwortlich für das Geschäft mit Cloud und Line of Business Solutions bei der SAP Deutschland. Im Interview sprechen wir mit ihm über das Trendthema Cloud und was junge Gründer von der Dropbox-Erfolgsgeschichte lernen können.

Herr Blüher, immer mehr Unternehmen beschäftigen sich mit dem Thema Cloud. Die Frage liegt nahe: Geht es überhaupt noch ohne die Cloud?

Oliver Blüher

Oliver Blüher: Der Vordenker Andrew McAfee vom Massachusetts Institute of Technologie (MIT) sagte es sehr treffend: „Unsere Generation dürfte das Glück haben, zwei der faszinierendsten Ereignisse der Geschichte mitzuerleben: die Entwicklung wirklich intelligenter Maschinen und die Vernetzung aller Menschen über ein gemeinsames digitales Netz.“ Neben Robotics und Künstlicher Intelligenz sind dies ganz klar Technologien wie Cloud Computing und Collaboration Tools. Viele Menschen nutzen Cloud-Lösungen heute selbstverständlich im privaten Alltag. Dasselbe gilt oder sollte zumindest auch für Unternehmen gelten. In einer Umgebung, in der alles und jeder Daten produziert, sind das intelligente Management und der simple und sichere Austausch von Daten ein alles beherrschender und zugleich herausfordernder Megatrend. In diesem Zusammenhang wird Cloud Computing eine wesentliche Rolle zuteil. Während noch im Jahre 2009 für drei von vier IT-Entscheidern die Cloud tatsächlich kein Begriff war, greifen mittlerweile mehr als 65 Prozent der deutschen Unternehmen auf Speicher, Software oder Rechenleistung aus der Wolke zurück. Die Antwort auf die Frage lautet also mit 99,9-prozentiger Wahrscheinlichkeit: Nein.

Was erwartet uns in den nächsten Jahren auf dem Gebiet Cloud? Wo geht die Reise hin?

Oliver Blüher: Nicht nur für die Cloud, sondern generell im Technologieumfeld sehe ich für die nächsten Jahre ganz klar drei große Megatrends: Mobilität, Interoperabilität und Nutzerzentrierung.

Mobilität: Mobile First

Die „Mobile Workforce“ ist auf dem Vormarsch, also die nicht mehr an die Räumlichkeiten der Unternehmenszentrale gebundene Arbeitskraft. Das Modell der mobilen Belegschaft stellt Unternehmen vor die schwierige Aufgabe, Strategien zu entwickeln, um die Kollaboration der online vernetzten, mobilen Mitarbeiter zu gewährleisten. Insbesondere für die mobile Belegschaft ist der orts- und zeitunabhängige Zugriff auf Applikationen und Firmeninhalte essentiell für produktives Arbeiten. Unternehmen tun sich jedoch schwer, eine effektive Kommunikation mit den Kollegen zu gewährleisten.

Um Anwendungsszenarien zu kreieren, die Unternehmen einen Mehrwert für ihre Investitionen in mobile Technologien bieten, lohnt sich ein Blick in den privaten Anwenderbereich. Beliebte Applikationen, wie beispielsweise Spotify oder Netflix verfolgen hier bereits seit Jahren den richtigen Ansatz. Sie lassen den Nutzer orts- und zeitunabhängig Musik streamen oder die Lieblingsserie von unterwegs anschauen. Dabei überzeugen sie trotz enormer Datenmengen durch hohe Verfügbarkeit, Performance und Nutzerfreundlichkeit. Der Ansatz ist simpel: Zum einen basieren die Applikationen auf Cloud Services, zum anderen gilt im privaten Anwenderumfeld schon lange das Prinzip „Mobile First“, die Applikationen werden also eigens für die Anwendung auf mobilen Geräten entwickelt.

Interoperabilität: Barrierefreiheit auf allen Ebenen

Cloud-Technologie bedeutet nicht nur für viele Unternehmen ein Umdenken, sondern auch für uns Anbieter. Natürlich mag es lukrativ erscheinen, Unternehmen ein in sich abgeschlossenes IT-System zu verkaufen, das fast ausschließlich im eigenen Technologie-Kosmos funktioniert. Allerdings ist dies nicht mehr zeitgemäß und bildet auch nicht die reellen Bedürfnisse der Nutzer ab. Denn: Da wir immer vernetzter agieren, kommen wir automatisch mit einer Vielfalt an Systemen und Devices in Berührung. Es liegt nun an uns Anbietern sicher zu stellen, dass unsere Kunden kanal- und geräteübergreifend auf ihre Daten zugreifen, globale Teams gemeinsam an Projekte arbeiten sowie mit externen Partnern teilen können.

Tools mit einem Fokus auf Interoperabilität, d.h. offene Standards und Unterstützung jedes Dateityps auf jedem Gerät und Betriebssystem, helfen Unternehmen dabei ihre Produktivität zu verbessern, da die Mitarbeiter frei wählen können, mit wem sie arbeiten und welche Werkzeuge sie dafür verwenden. In unserer File-zentrischen Welt agieren wir Anbieter als Vermittler, mit denen sich das Arbeiten kanalübergreifend organisieren lässt. So bringt beispielsweise Dropbox nicht nur diffundiertes Wissen orts- und zeitunabhängig zusammen, sondern schafft Netzwerke – zwischen Mitarbeitern und Teams, mit externen Partnern sowie standortübergreifend.

Nutzerzentrierung: Wer nicht nutzerzentriert denkt, hat im Tech-Markt verloren.

Insbesondere in der Arbeitswelt hat die IT den Großteil ihrer Ressourcen in die Optimierung der Geschäftsprozesse und in die Infrastruktur gesteckt – und dabei die Bedürfnisse der eigentlichen Akteure, der Nutzer, stark vernachlässigt. Dabei gilt: Die Potenziale von Produktivität, Agilität und Flexibilisierung erschließen sich im Unternehmenskontext über den Wissensarbeiter und nicht über die bloße Technologieausstattung. Digitalisierung ist kein Selbstzweck. Mit Hilfe digitaler Werkzeuge werden Teams und damit Unternehmen agiler, wird die Service-Erfahrung des Kunden optimiert oder werden effektivere und effizientere Wertschöpfungsprozesse umgesetzt. 

Um agiler zu werden, müssen sich Unternehmen sowie die IT flexibler den Bedürfnissen der Knowledge Worker und der Nutzer anpassen. Die Cloud kommt dabei sowohl den Unternehmen mit sinkenden IT-Budgets als auch den Mitarbeitern mit dem Wunsch nach mehr Selbstbestimmung und Produktivität entgegen. Mitarbeiter bekommen so die Möglichkeit, noch besser auf den Unternehmenserfolg einwirken zu können. Sind die IT-Strukturen jedoch zu starr und unterstützen die Arbeitsweise der Mitarbeiter nicht, suchen sich diese selbst die Tools, mit denen sie produktiver arbeiten. Wildwuchs der Tools und Sicherheitsprobleme sind die Folgen. Die IT steht vor der Herausforderung, diesen neuen Anforderungen gerecht zu werden und gleichzeitig die Demokratisierung der IT in Compliance-verträgliche Bahnen zu lenken.

IT-Sicherheit ist ein entscheidendes Thema, wenn es um die Cloud geht. Die Vorbehalte sind mitunter – gerade in der Finanzbranche – noch hoch. Was entgegnen Sie diesen Vorbehalten?

Oliver Blüher: Nutzer und Daten zu sichern ist sehr schwer. Bei Dropbox gehen wir das Problem von drei Seiten her an – alle drei mit jeweils qualifizierten Sicherheitsteams: Wir schützen die Infrastruktur, das Produkt und den Menschen. Das Infrastruktur-Sicherheitsteam schützt die Hardware, die Software, die Datenbanken, die Netzwerke und andere Bestände, die unsere Plattform ausmachen, auf der die Produkte und das Unternehmen funktionieren. Das Produkt-Sicherheitsteam schützt den sichtbarsten Teil von Dropbox: unsere Web-, Desktop- Mobile- und API-Applikationen. Dazu gehört beispielsweise auch ein sogenanntes Bug Bounty Programm, das externe Sicherheitsforscher dafür bezahlt, Sicherheitslücken in Dropbox-Produkten zu finden. Der dritte Bestandteil ist das Abuse Prevention Team, das sich ausschießlich darum kümmert, unsere Nutzer zu schützen und zu verhindern, dass die Dropbox Produkte genutzt werden, um anderen Schaden zuzufügen.

Einzelne Unternehmen können sich oft überhaupt nicht diesen Aufwand für Sicherheit leisten wie große Cloud-Provider. Noch dazu ändern sich die Bedrohungslagen im Internet rasant und alle Teams müssen agil, flexibel und schnell reagieren.

Zu guter Letzt ein ganz anderes Thema: In Ihrem Vortrag beim GFT Inspiration Day erzählen Sie vom Aufstieg und der Erfolgsgeschichte von Dropbox. Was können junge Gründer aber auch traditionelle Unternehmen von Ihrer Erfolgsgeschichte lernen?

Oliver Blüher: Für mich gibt es zwei Punkte, die bei unserer Gründungs- und Erfolgsgeschichte besonders herausragen. Für Dropbox ging es von Anfang an darum, ein Produkt zu entwickeln, dass dem User eine nahtlose und intuitive Nutzungserfahrung bietet und sich mit so vielen existierenden Tools wie möglich integriert. Das ist es, was Dropbox auch nach 10 Jahren noch auszeichnet. Somit haben wir einerseits ein Produkt geschaffen, das User weltweit durch seine intuitive Handhabe überzeugt und ihnen ein Tool liefert, um produktiver zu sein. Aber dieser Ansatz ist für uns gleichzeitig die Grundlage, um nicht nur ein großartiges Produkt, sondern auch ein großartiges Unternehmen zu entwickeln.

Einen weiterer Punkt: Insbesondere in Deutschland müssen wir bei Unternehmensgründungen mehr Selbstbewusstsein an den Tag legen – egal ob man mit seiner Idee erfolgreich ist oder nicht. Da können wir uns einiges von der amerikanischen Startup-Kultur abschauen, in der Neugründungen nicht mit so viel Skepsis betrachtet werden und Scheitern auch dazu gehören darf. Nach einem Scheitern ist dort das Wichtigste, nach vorn zu schauen und aus den gemachten Fehlern zu lernen. Oder, wie es unser CEO Drew Houston sagt: „Don’t worry about failure; you only have to be right once”.

Vielen Dank für das Interview, Herr Blüher!


Kontakt & Informationen zum GFT Inspiration Day gibt es unter Vorstandssekretariat-gft@gft.com