KI-Experte Chris Boos: “Es gilt jetzt, in Unternehmen die Weichen zu stellen“


Am 29. Juni findet im Stuttgarter GFT Corporate Center der 2. GFT Inspiration Day statt. Auch dieses Mal erwarten die Gäste spannende – und vor allem inspirierende – Vorträge von Experten aus Wirtschaft, Technologie, Kultur und Medien. Einer von ihnen ist Chris Boos. Der Gründer und CEO der arago GmbH hinterfragt und treibt das Denken über künstliche Intelligenz voran. Im Interview sprechen wir mit ihm über genau dieses Thema – und was uns in den nächsten Jahren erwarten wird.

Chris Boos (© Matt Greenslade/photo-nyc.com)

Herr Boos, wie wird Ihrer Meinung nach unsere Welt in zehn Jahren aussehen? Beherrschen künstliche Intelligenzen (KI) dann bereits unseren Alltag?

Chris Boos: Bereits heute wird unser Alltag ganz maßgeblich durch Maschinen bestimmt. Wir haben außerdem unsere Wirtschaft so gestaltet, dass sie für Maschinen gut zugänglich sein wird. Die Konsumenten sind jetzt schon dabei, jede noch so kleine Anwendung von KI aufzusaugen – denken Sie nur an das noch relativ einfache Amazon Echo. In zehn Jahren werden solche Assistenten unsere ständige Schnittstelle und unser Zugang zu fast allen Produkten und Dienstleistungen sein.

Gerade weil die Konsumenten das Thema so schnell adaptieren, ist es sehr wahrscheinlich, dass sich in den kommenden zehn Jahren ein massiver Wandel in der Wirtschaft und in unserer menschlichen Arbeit vollzieht. Unternehmen werden die Produktion von Waren und Diensten nahe den Rohstoffkosten durchführen können und damit wesentlich mehr Geld in echte Innovationen und Serviceleistungen investieren. Das bedeutet, dass sich unternehmerisch ein Wandel vom Effizienzunternehmen hin zum Erfindungsunternehmen vollziehen wird.

Für uns als Menschen bedeutet das, dass es weniger Spezialisten geben wird, weil die Maschinen in Spezialisierung und Effizienz Menschen schon lange übertroffen haben. Es wird aber mehr Menschen geben, die ihre Zeit bei guter Bezahlung viel sinnvoller einsetzen können als heute – sprich für Kreativität und Dienst an anderen Menschen. Ich denke, wir werden Depression als Volkskrankheit besiegen, weil wir die Rückkehr des Sinns feiern können.

Sie sagen: „Everything that is a process can and will be run by an Artificial Intelligence.” Wird der Effekt, der von KI ausgehen wird, heutzutage noch unterschätzt?

Chris Boos: Ganz sicher. Heute wird häufig noch gedacht, dass KI eine nette kleine Optimierungsmaßnahme am Rande des Geschäfts ist oder gar eine Marketinginitiative – aber dem ist nicht so. KI ist das strategisch mächtigste Werkzeug, wenn man die Kosten für die Herstellung von Produkten und Dienstleistungen optimieren und gleichzeitig die Qualität und Individualisierung dieser Produkte und Dienste verbessern will. Der Effizienzgewinn liegt dabei zwischen 80 und 99%. Das gab es nicht einmal bei der Einführung der Dampfmaschine. Darum gilt es jetzt in Unternehmen die Weichen zu stellen.

Was sollten Unternehmen jetzt bereits beachten, um auf die Zukunft vorbereitet zu sein?

Chris Boos: Unternehmen, Unternehmer und Manager sollten jetzt dafür sorgen eine gute und auf Ausführung ausgelegte Strategie zu entwickeln. Dabei sollte das keine KI-Strategie sein, sondern eine Strategie das eigene Geschäftsmodell von einem Linearen auf ein Exponentielles umzustellen. KI ist dabei das Werkzeug. Ich empfehle, KI in einem Bereich als eine Art Trojanisches Pferd einzusetzen, um mit der Etablierung eines sauberen semantischen Datenpools zu beginnen und dann von dort aus sukzessive durch alle Prozesse zu gehen. Das so freiwerdende Geld und die Zeit der Mitarbeiter sollten investiert werden, um das besagte neue Geschäftsmodell zu erdenken, zu testen und einzuführen.

Als Trojanisches Pferd eignet sich zum Beispiel die Einführung von KI im IT-Betrieb. Die meisten Firmen kennen Outsourcing bei diesem Thema bereits und würden mit der Übergabe an eine KI nichts Neues tun. Statt an IT-Dienstleister geht die Verantwortung eben an eine Maschine. Außerdem lässt sich in der IT ein guter Datengrundstein legen. Aber es können auch andere Startpunkte gefunden werden. Wichtig ist, dass keine isolierten Optimierungsprojekte geplant werden, sondern aufeinander aufbauende und sich stetig befruchtende Projekte entstehen. Nur so wird eine schnelle Umsetzung ermöglicht. Und schnell bedeutet dabei maximal fünf Jahre, bis das neue Geschäftsmodell das Alte überholt hat.

Welche Branchen werden Ihrer Ansicht nach besonders vom Aufstieg der künstlichen Intelligenz profitieren?

Chris Boos: Natürlich erschließen sich am einfachsten die Branchen, die heute schon mit virtuellen Gütern umgehen und die stark technisiert sind. Da kommen insbesondere Finanz und Telekommunikation in den Sinn. Aber auch alle anderen großen Branchen wie Energie, Gesundheit, Maschinenbau, Produzierende Industrie stehen nicht weit hinten an. Der Kauf von Whole Foods durch Amazon hat quasi schon einen Sargnagel in das Thema Einzelhandel gesetzt, der leider nur von einem kleinen Teil der Protagonisten als die letzte Warnung verstanden wird, die er ist.

Vielen Dank für das spannende Interview, Herr Boos!


Kontakt & Informationen zum GFT Inspiration Day gibt es unter Vorstandssekretariat-gft@gft.com