Back to the Roots: Was ist eigentlich Blockchain?


Wir haben bereits viel über das Phänomen Blockchain berichtet. Vom Prototyping in unserem Blockchain-Inkubator über den Etherum Distributed Ledger hin zur Revolution des Bankensektors. Dann lud mich das Innovationsnetzwerk Schwarzwald-Baar-Heuberg an der Dualen Hochschule Villingen-Schwenningen im Rahmen einer Informationsveranstaltung ein, das Thema ganz elementar zu erläutern. Das war super, denn steckt man selbst zu tief in einer Sache, sieht man vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr. Ich habe mich also hingesetzt und versucht aufzurollen, wie wir bei GFT Blockchain ganz grundsätzlich verstehen.

GFT Principal Consultant Med Ridha Ben Naceur beim Blockchain-Informationsabend des Innovationsnetzwerks Schwarzwald-Baar-Heuberg an der Dualen Hochschule Villingen-Schwenningen

An unseren eigenen Beiträgen ist unschwer zu erkennen: Das Wörtchen Blockchain fällt in der Finanzindustrie oftmals in direktem Zusammenhang mit abstrakten oder technischen Begriffen wie „Trust“, „Nodes“ „Distributed Ledger“ oder „Smart Contracts“. Um diese Zusammenhänge zu verstehen, müssen wir uns nicht nur an die technische Seite von Blockchain wagen, sondern viel früher ansetzen – und zwar bei unseren Vorfahren und ihrer Art mit Finanzen umzugehen.

Als Tauschmittel beliebt und gängig waren beispielsweise Muscheln und Steine, anhand derer sich wunderbar eine Transaktion aus der damaligen Zeit erklären lässt:

Die Anzahl der Steine, die als Gegenleistung für ein Produkt oder einen Dienst erforderlich waren, wurde verbal mitgeteilt. Das bedeutete: Sämtliche Besitztümer und Eigentumswechsel mussten im Kopf behalten werden. Das Problem liegt auf der Hand, denn das menschliche Gehirn ist – da hilft kein Schönreden – limitiert. Das Ergebnis waren zwischenmenschliche Konflikte und Auseinandersetzungen, die im Chaos mündeten.

Neue Zeiten – alte Probleme

Doch auch unsere Vorfahren wussten sich zu helfen. So wurden als Lösungsansatz Buchhalter beziehungsweise Vermittler ernannt und – wie wir es heute noch kennen – Buch geführt. Doch auch eine ordentliche Buchführung löste das Problem nicht – im Gegenteil. Neben Abhängigkeiten vom Buchhalter, resultierendem Vertrauensverlust und Verspätungen, gehörten auch ungleiche Behandlungen, sowie Gebühren und Provisionen zu den Schwierigkeiten, die innerhalb kürzester Zeit auftraten.

Klingen diese Szenarien für Sie irgendwie vertraut? Das würde keinesfalls bedeuten, dass Sie in der Steinzeit stehen geblieben sind. Denn tatsächlich funktionieren moderne Währungen, wie wir sie heute kennen, noch immer nach dem gleichen Prinzip. Der einzige Unterschied: Der Vermittler ist heute meistens eine Bank, die diese Rolle übernommen und digitalisiert hat. Das bedeutet konkret: Als Kunden wird von uns automatisch Vertrauen in das bestehende System gefordert, gleichzeitig sind wir abhängig von unseren Banken. Alles wird durch ein zentrales System abgewickelt. Und hinzu kommen selbstverständlich auch heute noch Gebühren.

Kann man die Abhängigkeit vom zentralisierten System umgehen?

Hier kommt dann also Blockchain ins Spiel. Als stetig wachsende und auf verschiedene Computernetzwerke verteilte und authentifizierte Datenbank (Distributed Ledger – wodurch wir bereits einen der kryptischen Begriffe aufgeschlüsselt hätten) beinhaltet sie alle Informationen bezüglich erfolgreich abgeschlossener Transaktionen und ist gegen Manipulations-, Änderungs- oder Löschversuche von Daten geschützt. Vielmehr noch: Sie umgeht die Abhängigkeit von einem zentralisierten System und stellt damit Vertrauen zwischen den Teilnehmern ohne Vermittler oder zentrale Instanzen her.

Alle Teilnehmer haben Einblick in alle durchgeführten Transaktionen. Bei der Durchführung einer Transaktion wird ein Block aus den entsprechenden Daten gebildet und gespeichert. Aus weiteren Transaktionen entsteht dann eine Kette an Blocks und somit: die Blockchain.

Plakativ gesprochen bedeutet diese neue Lösung: Alle Machtverhältnisse sind gerecht verteilt, denn jeder führt sein eigenes Buch – Abhängigkeiten ausgeschlossen. In diesem Sinne ist Blockchain nicht nur vertrauenswürdig, sondern enthält auch automatisch Komponenten, die sie sicher machen:

  • Transparenz: Alle Transaktionen und Buchungen in der Blockchain sind transparent. Alle Änderungen können nachverfolgt werden
  • Authentifizierung: Das Blockchain-Netzwerk authentifiziert alle Buchungen gemäß einem im System integrierten Protokoll. Jeder Teilnehmer wird genau identifiziert
  • Kompetenz: Trotz eines verteilten privaten oder auch öffentlichen Netzwerks herrscht fortgehend Einigung bezüglich des Datenbestandes, ohne einen Vermittler oder eine zentrale Stelle miteinzubeziehen
  • Audit: Da alle Buchungen in allen „Knoten“ (Nodes) in den Datenbanken durchgeführt werden, sind alle Daten zu jeder Zeit prüfbar bzw. einfacher auditierbar

Damit hätten wir die Begriffe „Trust“, „Nodes“ und „Distributed“ Ledger in den direkten Zusammenhang mit Blockchain gestellt und die Theorie soweit geklärt. Bleibt die Frage offen:

Welche Möglichkeiten bietet die Praxis?

Um das zu beantworten, lohnt es sich, ein Beispiel aus der Industrie, genauer der Automobilbranche, heranzuziehen. Hier herrschen ganz automatische Abhängigkeiten zwischen Hersteller und Zulieferer, die schon oft zu Problemen führten. Uns allen sind Rückrufaktionen von Herstellern bekannt; sogar von Fällen, in denen Zulieferer nachträglich Daten manipulieren, haben wir schon gehört. Bei den Mengen an Daten, Teilen und Fahrzeugen ist schnell der Überblick verloren: Wer hat was zu welchem Zeitpunkt geliefert? Und: Sobald ein Geschäft – und das gilt für alle Branchen – über einen Mittler läuft, sei es Buchhalter oder Bank, ist der Vorgang manipulierbar.

Wer aufgepasst hat, weiß: Die Blockchain kann in einem solchen Szenario Abhilfe schaffen, denn sie funktioniert ganz ohne Mittlerinstanz. Für den Automobilhersteller, aber auch den Zulieferer lässt sich daher zu jedem Zeitpunkt feststellen, wo in der Kette etwas schiefgelaufen ist.

Einen Schritt weiter gedacht: Smart Contracts

Etwas komplexer ausgedrückt sprechen wir hier eigentlich über die Vernetzung im Rahmen von Industrie 4.0, die zu vielschichtigeren Prozessen und Abläufen führt und einen hohen Grad an Automatisierung erfordert. Die Supply Chains der beteiligten Parteien müssen nicht nur vernetzt, sondern nach einem einheitlichen Standard konzipiert werden. Durch die Automatisierung und dynamische Liefer- und Produktionsstrukturen ergibt sich die Anforderung, die Prozess- und Produktverantwortlichen in der gesamten Wertschöpfungskette jederzeit und zu jedem Prozessabschnitt zu identifizieren. Der Tracking- und Tracing-Prozess von Liefer- und Produktionsobjekten nimmt eine wichtige Rolle ein. Dieser muss zu jederzeit nachvollziehbar, transparent und vertrauensvoll aufgebaut sein. Aus diesem Grund bieten sich Smart Contracts in der Blockchain als Basis für die Abbildung der Supply Chain innerhalb der Industrie 4.0 Netzwerke an. Sie sind intelligente Verträge in einer programmierbaren Computerform, eventgesteuert, selbstüberwachend uns selbstexekutierend.

Übrigens, in gemeinsamen Workshops mit Industrieunternehmen und in unserem eigenen Blockchain Inkubator sind wir dabei, mögliche Prozessautomatisierungen zwischen Bank, Dienstleister und Industrieunternehmen im Netzwerk zu identifizieren und so konkrete Use Cases zu definieren. Aber das ist dann wieder ein Thema für den nächsten Blogbeitrag.