Von Muscheln, Gold und Virtual Currencies: Warum es so lange dauert, bis Bitcoin & Co. sich durchsetzen können


Anfang des Jahres sorgte Deutsche Bank Chef Cryan mit der Aussage für Schlagzeilen, Cash sei teuer und ineffizient. Ist die Zeit jetzt also endlich reif für eine digitale Währung? Bernd Kohl (Executive Director, GFT) und Dr. Patrik Pohl (Managing Director, Deutsche Bank) widmeten sich im Rahmen eines gemeinsamen Talks während des new.New Festival den sogenannten Virtual Currencies. Dabei nahmen sie auch den historischen Ursprung des „lieben Geldes“ unter die Lupe. Im Interview fassen Sie für uns zusammen.

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Dr. Patrik Pohl (Deutsche Bank) und Bernd-Josef Kohl (GFT) beim gemeinsamen Talk während des new.New Festivals.

Ihr Talk auf dem new.New Festival im September begann bei Muscheln und Steinen, um auf die grundlegendste Eigenschaft des Geldes aufmerksam zu machen. Wie dürfen wir das verstehen?

Pohl: Geld hat grundsätzliche Funktionen. So ist es ein Tausch- und Wertaufbewahrungsmittel und vereinfacht den Austausch von Gütern. Statt Weizen gegen handwerkliche Arbeit zu tauschen, kann dies in Form von Geld ausgeglichen werden. Und Geld ist auch ein Wertaufbewahrungsmittel, es „verdirbt“ nicht. Kauf und Verkauf können zeitlich auseinanderliegen.

Muscheln und Steine waren die ersten Tauschmittel, später hat insbesondere Gold diese Funktionen übernommen. Heute assoziieren die meisten Menschen mit Geld in erster Linie Papier- und Münzgeld und Buchgeld, das von Zentralbanken emittiert wird. Anders als bei Gold sprechen wir hier von „fiat money“ – wir vertrauen in den Wert eines Stück Papiers.

Kohl: Geld kann darüber hinaus nicht nur verschiedene Formen annehmen, sondern hat auch unterschiedliche Funktionen. In seiner Grundeigenschaft ein Tauschmittel, hat es auch eine Zahlungs- und Zinsfunktion. Wenn wir im Zusammenhang mit Geld von einer Währung sprechen, bezieht sich diese im Übrigen immer auf einen bestimmten Raum: Sie ist das gesetzlich festgelegte Zahlungsmittel eines bestimmten Staates.

Zählen digitale Währungen dann überhaupt als Geld?

Pohl: Wenn wir über Virtual Currencies sprechen, landen wir bei der Ursprungsform des Geldes als Tauschmittel. Sie unterscheiden sich von gesetzlichen Zahlungsmitteln, da sie nicht von einer Zentralbank geschaffen werden und auch keine Verbindung zu gesetzlichen Zahlungsmitteln bestehen muss. Insofern wird hier versucht, das Prinzip des Vertrauens in eine Zentralbank durch das Vertrauen in eine technische Netzwerklösung – wie z.B. bei Bitcoins – zu ersetzen.

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Kohl: VC’s sind so gesehen eine weitere Erscheinungsform von Geld. Die verschiedenen Formen existieren, damit verschiedene Bedürfnisse und Interessen abgedeckt werden können. Eine Form setzt sich aber immer erst dann durch, wenn sie auch handhabbar ist. Wenn ich heute an der Kasse mit etwas anderem als Bargeld bezahlen möchte, müssen natürlich die technischen Voraussetzungen gegeben sein. Währungen müssen vor allem aber auch einen reibungslosen und raschen Ablauf ermöglichen. Wenn ich meinen Einkauf nach 5 Minuten noch immer nicht bezahlt habe, wird sich die Person hinter mir sicherlich beschweren und ich selbst bin genervt.

Virtuelle Währungen sind also vielleicht einfach noch nicht handhabbar?

Pohl: Es ist aus meiner Sicht zu früh, um das zu beurteilen. Wir sehen einige Zentralbanken, die sich mit digitalen Lösungen für die Ausgabe von Zentralbankgeld beschäftigen. Das Konzept des „Fedcoin“ ist ein Beispiel, bei dem die US-Notenbank den Fedcoin zu einem gesetzlichen Zahlungsmittel mit Parität beispielsweise zum konventionellen Dollar emittieren könnte.

Kohl: Darüber hinaus spielen kulturelle Faktoren eine große Rolle. Im alten Ägypten war alles rund ums Geld abhängig vom Nil: Sogar das Steuerwesen wurde vom Wasserpegel bestimmt, denn dieser legte fest, wie wohlhabend die Bauern in der folgenden Jahreszeit sein würden. Hierzulande ist nach wie vor das Bargeld äußerst beliebt und angesehen. Da steht Deutschland im Übrigen nicht so alleine da, wie das manchmal in der Berichterstattung den Anschein hat. Als die Griechen im Sommer 2015 im Zuge der landesweiten Krise plötzlich kein Bargeld mehr abheben konnten, hätte dies doch eigentlich die Stunde der digitalen Währung – beispielsweise von Bitcoins – sein können! War es aber nicht: Denn die Händler akzeptieren nichts außer Bargeld.

Was muss also genau passieren, damit sich virtuelle Währungen durchsetzen können?

Pohl: Digitale Währung werden meines Erachtens erst dann akzeptiert werden, wenn wir Vertrauen in deren Wertbeständigkeit haben. Ohne die Deckung durch eine Zentralbank bzw. andere staatliche Institutionen halte ich das auch bei virtuellen Währungen für schwierig. Da Bürger letztlich Steuern in ihrer Heimatwährung zahlen müssen, bedeutet es ein Risiko, das Gehalt etwa in Bitcoin zu beziehen. Weitere offene regulatorische und rechtliche Fragen müssen beantwortet werden: wie verhindert man Geldwäsche und Steuerhinterziehung in der Anonymität der Bitcoins?

Kohl: Für eine abstrakte Währung wie Bitcoins müssen also erst die richtigen Grundlagen geschaffen werden. Denken wir an die Ägypter – es müssen wichtige Fragen geklärt werden, die mit der Form des Geldes im Zusammenhang stehen und unsere Gesellschaft stark beeinflussen: Wie verhält es sich mit Anlageformen bei digitalen Währungen? Was genau geschieht mit der Zinsfunktion des Geldes? Dennoch: Banken könnten beginnen, untereinander Währungen wie Bitcoins zu tauschen. Damit wäre der Weg noch nicht geebnet, aber der erste Schritt getan um Bitcoins auch als Bezahlfunktion zu etablieren.

Herr Dr. Pohl, Herr Kohl, ganz herzlichen Dank für das Interview!