Wie Banken und FinTechs voneinander profitieren können


Die digitale Revolution hat viele Märkte durchdrungen und vorherrschende Machtverhältnisse verändert. In der Finanzbranche jedoch werden die etablierten Banken und neuen FinTechs einander noch brauchen. Um dem Kunden das zu geben, was er braucht und erwartet, müssen beide Parteien zusammenarbeiten.

Finanzinstitute zählen seit jeher zu den „Early Adopters“ fortschrittlicher digitaler Technologien, um dadurch Abläufe zu optimieren und den Umsatz zu steigern. Die Komplexität der Finanzmärkte, die Wartung kostspieliger Altsysteme und die regulatorischen Anforderungen jedoch machen es dem Finanzsektor fast unmöglich, seine Spitzenstellung in technologischer Innovation beizubehalten. Gekoppelt mit der Tatsache, dass Innovationsaktivitäten normalerweise dem Management unterliegen, öffnet sich die Schere zwischen Bankinnovationen und der Überbringung von Produkten und Diensten, die Kundenwünsche tatsächlich treffen, immer weiter.

Da Banken als zu langsam gelten, um zu begreifen, was der Kunde braucht und will und dadurch zu spät handeln, ist eine ganze Bandbreite an Startups – ausgerichtet auf Innovation und fokussiert auf Finanztechnologie – aus dem Boden geschossen. Fast gänzlich frei von regulatorischen Anforderungen sind diese neuen Marktteilnehmer auf dem Weg nach oben, indem sie Einzwecklösungen entwickeln, die benutzerfreundlicher und für digitale Kanäle optimiert sind. Dazu kommt, das FinTechs sehr genau auf Kundenwünsche achten und Apps entwickeln, die diese Wünsche erfüllen.

Venture-Capital-Unternehmen beobachten den Aufstieg der FinTechs sehr genau. Laut „The Pulse of FinTech“, einem gemeinsamen Report von KPMG International und CB Insights, lag das weltweite Investment in FinTechs im Jahr 2015 bei insgesamt bei 19,1 Milliarden US Dollar. Diese Steigerung steht für ein Wachstum von 56% verglichen zum letzten Jahr. Ohne Zweifel sind dies Zahlen, die den FinTech-Sektor deutlich von anderen Investments der VC-Unternehmen abheben. Obgleich sind diese Zahlen winzig, wenn man sie in Relation zum gesamten Finanzmarkt setzt. Allein im Jahr 2014 lag der Umsatz im Bereich Retail Banking in Europa bei über 644 Milliarden Euro.

Startups aus den Bereichen Zahlungsverkehr und P2P-Lending haben einen Großteil der genannten Förderungen erhalten. Bereiche wie Hypotheken und Handelsfinanzierung dagegen haben kaum Aufmerksamkeit bekommen. Um einen tiefen disruptiven Effekt auf den Finanzsektor haben zu können, müssen FinTechs noch weiter gehen.

Für Startups entstehen viele Möglichkeiten – aber sie müssen sich auch Problemen stellen

Aufgrund der Komplexität von Middle- und Back-Office-Prozessen und ihrer Abhängigkeit von papierbasierter Dokumentation, bieten sich viele Möglichkeiten zur Umgestaltung dieser Prozesse an. Dazu kommt, dass FinTechs durch eine bessere Verwertung von Kundendaten (auch durch die Sammlung dieser und der Analyse von bestimmten Mustern) in der Lage sein werden, passgleiche disruptive Lösungen anzubieten. Diese Vorgehensweise wird Startups dazu befähigen, weit über die Bereiche Zahlungsverkehr und Konsumentenkredite hinauszugehen.

Ihre Innovationsbereitschaft und die Fähigkeit, diese Themen schnell zu adressieren, haben FinTechs zu den Revolutionsführern in der Finanztechnologie gemacht. Doch wenn sie nun in die nächste Runde starten und auf Themen wie „Process Redisigning“ und Kundendatenverwertung treffen, werden sie mit großen Problemen konfrontiert werden.

Erstens werden sie Finanzdaten benötigen, um Muster zu erkennen und zu analysieren, um somit besser zu verstehen, was der Kunde braucht und will. Es kann Jahre dauern, bis ein neuer Marktteilnehmer solche Daten gesammelt hat. Abgesehen von den eigentlichen Daten fehlt es dann auch an der Erfahrung, diese Finanzdaten angemessen auszuwerten und zu verstehen. Zweitens, um Middle- und Backoffice Prozesse effektiv neuzugestalten, benötigen sie ein tiefgreifendes Verständnis von Regulierungen, um sicherzustellen, dass alle Innovationsinitiativen auch regelkonform sind. Drittens und letztens werden FinTechs, umso tiefer sie in die Finanzprozesse eintauchen, auch immer mehr Vertrauen der Kunden brauchen.

Obwohl Banken sich mit den Lasten regulatorischer Anforderungen, kostspieligen Altsystemen und komplexen Prozessen herumschlagen, haben sie auch eine Vielzahl an Vorteilen gegenüber den neuen Marktteilnehmern im Finanzsektor. Ihnen obliegt ein Reichtum an Finanzdaten und gekoppelt mit einem tiefen Verständnis für ihr Geschäft, haben sie auch die Expertise diese Daten zu analysieren und Muster zu erkennen. Durch die Nachweispflicht der Einhaltung gesetzlicher Vorgaben, ist die Expertise von Banken bezüglich dieser Anforderungen gestiegen, genauso wie die Expertise im Umgang mit Aufsichtsbehörden. Darüber hinaus hat jede Finanzkrise dazu beigetragen, dass Banken gezwungen waren, ihre Risikosteuerung anzupassen, wodurch eine vertrauenswürdigere Marke entsteht.

Banken und FinTechs müssen zusammenarbeiten

Daher müssen FinTechs und Banken zusammenarbeiten und ihre jeweilige Expertise dem anderen anbieten, wenn sie das volle disruptive Potential der Finanztechnologie ausschöpfen wollen.

Einerseits können Banken mit ihrer Markenglaubhaftigkeit, dem Kundenvertrauen und ihrer Expertise in den Themen Finanzrisiken und regulatorische Vorhaben aufwarten. Darüber hinaus können sie den FinTechs ihre große Kundendatenbank als Zielgruppe für deren Apps zur Verfügung stellen.

Andererseits können FinTechs schneller kundenfokussierte Einzwecklösungen bereitstellen. Sie könnten Innovationen für die Prozessoptimierung, Dienste und Produkte beispielsweise für die globale Handelsfinanzierung, Sicherheitenbestandsführung und Leasingverträge beisteuern. FinTechs können mehr tun als nur Betriebskosten zu reduzieren; sie können den Umfang potentieller Kunden erweitern und den Umsatz steigern. Finanztechnologie-Lösungen, die sich auf die Bereiche Internet of Things, Smart Contracts und Distributed Ledgers fokussieren bieten ebenfalls enorme Geschäftsmöglichkeiten.

Es gibt einige Wege, um eine Kollaboration zwischen etablierten Banken und FinTechs zu bewältigen. Erstens muss eine solche Kollaboration, damit die Vorteile beider Parteien bleiben, als Partnerschaft und nicht als Übernahme ablaufen. Eine Akquisition könnte für die Innovation tödlich sein. FinTechs sollten bereits Förderungen erhalten, im besten Fall von Venture-Capital-Firmen. Dann können Banken, um einen Wettbewerbsvorteil hinzuzufügen, eine Consulting- und Mentoren-Rolle gegenüber den neuen Marktteilnehmern einnehmen. Somit müssen die Bemühungen seitens der Banken darin bestehen, Initiativen zu bilden, die mit Accelerator- und Inkubator-Programmen zusammenhängen.

Solche Programme erlauben es, die Vorteile beider Parteien in einem gemeinschaftlichen Umfeld zu verstärken, in dem Startups mit dem versorgt werden, was ihnen fehlt um Banken zu geben, was sie brauchen.

Zusammengefasst ist die Finanztechnologie eine Reise mit einem One-Way-Ticket, die von Banken und FinTechs gemeinsam begangen werden muss, um einen größeren Erfolg zu erzielen. Banken müssen verstehen, dass ihr Wettbewerbsvorteil mit der Zeit kleiner werden wird. Digitale Unternehmen müssen erkennen, dass der Faktor Zeit immer gegen sie arbeiten wird. Daher müssen sämtliche Anstrengungen in das Ankurbeln der Zusammenarbeit gesteckt werden. Nicht nur Banken und FinTechs werden dadurch Vorteile erzielen: Der Kunde wird bessere Produkte und Dienste erhalten, die auf sein digitales Leben zugeschnitten sind.