GFT Expertenbefragung: Deutsche Finanzwirtschaft setzt auf digitalen Wandel, zögert aber mit Umsetzung


Die Digitalisierung der Finanzbranche ist in den Managementetagen europäischer Banken angekommen und wird mit hoher Priorität verfolgt, wenn auch teilweise noch zögerlich. Das ist ein zentrales Ergebnis einer Expertenbefragung, die GFT zur Zukunft des Finanzwesens unter Bankentscheidern durchgeführt hat. Ein weiteres Resultat, das hierzulande Hoffnung macht: Deutschland steht im europäischen Vergleich gut da und geht die Digitalisierung proaktiv an. Der Kunde rückt dabei immer mehr in den Mittelpunkt – und wird damit zum entscheidenden Treiber der Digitalisierung.

Die Zukunftsszenarien, die von einigen Akteuren in den vergangenen Monaten immer wieder bemüht wurden, zeichneten ein negatives Bild der europäischen Bankenlandschaft: Agile Startups, die die Finanzinstitute in ihrem Kerngeschäft angreifen; Bankriesen, die die Bedürfnisse ihrer Kunden nicht begreifen; schrumpfende Filialnetze und Millionen von technologiebegeisterten Kunden, die ihrem langjährigen Geldinstitut den Rücken kehren und zu smarten Startups überlaufen. Beschreiben solche Vorstellungen die Realität? Sind europäische Banken tatsächlich noch nicht im digitalen Alltag ihrer Kunden angekommen? Um es deutlich zu sagen: Doch, sie sind es. Die Finanzbranche ist aufgewacht. Es dreht sich etwas und zwar schneller als viele vermutet haben. Das ist ein Resultat unserer Umfrage unter Entscheidern aus europäischen Banken.

150520 Infografik Survey public_Single pages_cs6_EN

Die wichtigsten Ergebnisse im Überblick:

  • Über 83% der Banken arbeiten bereits an einer Digitalisierungsstrategie oder haben einzelne oder mehrere Projekte gestartet. Das zeigt: der Wettbewerb ist in vollem Gange, denn gleichzeitig haben lediglich 8% aller Befragten bereits eine allumfassende Lösung implementiert.
  • Die Modernisierung der gesamten Branche ist derzeit in Arbeit; zu den „Must Haves“ zählen im Allgemeinen Digitale Plattformen und Mobile Payment Lösungen.
  • Über 90% der Teilnehmer halten die Kundenzufriedenheit für ein sehr wichtiges Kriterium für die strategische Neuausrichtung ihrer Institute. Dabei setzt ein Großteil der Befragten auf ein konsistentes Omnikanal-Angebot, um die eigene Attraktivität für Kunden zu steigern.

Dieser deutliche Fokus auf den Kunden könnte dabei zu einem entscheidenden Faktor für die erfolgreiche Digitalisierung werden. Nicht zuletzt verweisen aktuelle Befragungen unter Verbrauchern darauf hin, dass Kundenerwartungen die Zukunft des Bankwesens immer stärker prägen. Entscheidender Punkt für das Privatkundengeschäft: die konsequente Einbindung digitaler Zugangswege steigert Kundenzufriedenheit und Kundenloyalität.

Ist also die Digitalisierung ein Selbstläufer für deutsche Banken? Nein; unsere Umfrage macht die Schwachpunkte deutlich:

  • Bei der Etablierung einer Digital Banking Plattform und der Integration einer Digital Banking Lösung in die bestehende Infrastruktur Lösung liegen die deutschen Banken jeweils deutlich hinter dem Durchschnitt.
  • Mehr als 60 % gehen davon aus, dass es noch 3 bis 5 Jahre dauern wird, ihre digitale Transformation abzuschließen; nur ein Drittel meint, es werde schneller gehen. Das ist im europäischen Vergleich deutlich verzögert. Vor allem die italienischen Kollegen zeigen sich wesentlich optimistischer.
  • Nur 10% der befragten Finanzinstitute schätzen sich im Vergleich zu ihren (internationalen) Wettbewerbern in der Digitalisierung als deutlich fortgeschrittener ein. Gleichzeitig glauben nur knapp 30%, dass sie hinter ihren Wettbewerbern liegen.
  • In Deutschland scheint Mobile Payment – ein „Must Have“ in vielen anderen Ländern – eine vergleichsweise niedrige Priorität zu haben.

Für die deutsche Bankenlandschaft zeigen die Ergebnisse der GFT Expertenbefragung: Finanzinstitute haben die digitale Strategie hierzulande im Fokus, die Markteinführung multipler neuer Angebote aber noch vor sich. Es geht stetig voran, allerdings in langsamer Geschwindigkeit. Die Banken testen und konzentrieren sich auf einzelne Leuchtturmprojekte. Gleichzeitig setzen sie perspektivisch auf einen breiten Ansatz, was die verschiedenen Elemente ihres Digitalangebots angeht. In einem Punkt liegen die deutschen Banken sogar ganz weit vorn: Die Kooperation mit FinTechs wurde hier von bereits 56% der Befragten durchgeführt.

Im europäischen Vergleich lässt sich anhand der Ergebnisse der Befragung feststellen: Vor allem italienische Banken gehen die Digitalisierung ihrer Branche aktiv und fokussiert an. Alle dort befragten Institute sind bereits aktiv, auch wird der Wettbewerb als sehr stark wahrgenommen. Für fast zwei Drittel der befragten Banken ist Mobile Payment der wichtigste Erfolgsfaktor für ihr Digital Banking Angebot. Darüber hinaus rücken die Italiener die Kunden aktiv in den Mittelpunkt, indem sie deren Feedback in die Digitalisierungs-Strategie und operative Umsetzung einfließen lassen. In Spanien hingegen zeichnet sich eine heterogene Bankenlandschaft ab. Als Erfolgsfaktoren für die Digitalisierung sehen spanische Banken Real-Time Decisions als äußerst relevant und setzen vergleichsweise wenig auf Digitale Plattformen. Eine Ambivalenz zeigt sich vor allem bei den Budgets der Spanier: 35 Prozent der befragten Banken haben für ihre Digitalprojekte ein Budget unter 5 Mio. US-Dollar, 18 Prozent hingegen arbeiten mit ca. 20 Millionen – im Ländervergleich sind beide Positionen jeweils Spitzenreiter.

Insgesamt kann dennoch ein positives Zwischenfazit gezogen werden, auch wenn noch einige Herausforderungen zu meistern sind. Bis der digitale Wandel vollbracht ist, wird es noch Jahre dauern, aber: der Zug ist noch nicht abgefahren. Eine konsequente Umsetzung, nachhaltige Investitionen in die IT-Infrastruktur und qualifiziertes Personal sind für die Strategieimplementierung jedoch unabdinglich.

Unsere Empfehlung für eine erfolgreiche Digitalisierung: Banken sollten weiterhin den Fokus auf die Kundenbedürfnisse legen. Dies erreichen sie durch Beachtung folgende Punkte:

  • Die Einführung von Servicequalität und Beständigkeit in Schlüsselbereichen, wie beispielsweise Digitalen Plattformen und Mobile Payment Lösungen ist essentiell. Erst im Anschluss sollte auf weiterführende und komplexe Serviceelemente gesetzt werden.
  • Der Fokus muss auf Innovationen liegen; nur so ist eine Angebotsdifferenzierung möglich.
  • Es ist sinnvoll, Innovationen durch Partnerschaften mit externen Spezialisten zu beschleunigen.
  • Die gesamte Branchenmodernisierung sollte in die digitale Bankenstrategie mitaufgenommen werden. Die Ergebnisse zeigen: Ein konsistentes Omnikanal-Angebot und einheitliches Kundenerlebnis können die eigene Attraktivität für den Kunden steigern.

Weiterführende Informationen zur GFT Expertenbefragung sowie zum Digitalisierung in der Finantbranche finden Sie auf folgenden Seiten:

Alle Beiträge von unserem Experten Bernd-Josef Kohl finden Sie auf seiner Autorenseite.